1. Anfahrt
und Einreise
"Wir haben
einen Platten!" Diese Aussage von Jörgen war höchst alarmierend. Es war
Samstag, 11 Uhr und wir standen in den Bergen von Genua. Gegen Abend sollte
unsere Fähre nach Tunis ablegen. Jörgen pumpte den linken Vorderreifen wieder auf und wir
fuhren die vielen Serpentinen auf schmaler Straße hinab nach Genua. Leider
fanden wir auf Anhieb keine Werkstatt. Im Hafen angekommen, standen wir vor
einem kleinen Betrieb, aber dort wurde gerade das Wochenende eingeläutet. Wir
wurden zu einer anderen Werkstatt gelotst. Auch hier sollte bereits Feierabend
sein. Doch hier hatten wir noch Glück, ein kleines Loch im Schlauch wurde noch geflickt.
Beim Verladen
auf die Carthage hatte ich starke Bedenken, dass der MAN noch mitgenommen wird.
Zuletzt war sogar Jörgen nicht mehr sicher. Immer noch standen Fahrzeuge
draußen und die Fähre war schon sehr beladen. Schließlich wurde mit mehreren
Schauerleuten noch ein PKW
versetzt, die Seitenspiegel angeklappt und wir passten doch noch gerade auf die
Fähre.
Die tunesische Polizei war mit an Bord und bereits abends bildeten sich
Warteschlangen an den einzelnen Abfertigungsstellen. Am folgenden Vormittag
benötigten wir 3 Stunden für folgende Prozedur:
Deck
6:
Pässe
und Personenkarten wurden kontrolliert
Deck 5
rechts: Die Fahrzeug-Einreisepapiere wurden abgefertigt
Deck 5
links: Hier folgte der Computerausdruck
(Registrierung)
Dieses war auch
nur in 3 Stunden möglich, da Jörgen und ich uns an verschiedenen Kontrollpunkten
anstellten. Wichtig war, dass die o.a. Reihenfolge der Abfertigung stimmen musste.
Am nächsten Tag lagen wir bereits 2 Stunden im Hafen von La Goulette, bis wir schließlich als letztes
Fahrzeug die Fähre verließen. Polizei und Zoll war eine Sache von 10 Minuten
und unser geliebtes Afrika hatte uns wieder.
Nach einer
Tagesfahrt über die diesmal sehr belebte Inlandsstrecke kamen wir wie
vereinbart um 11 Uhr an der libyschen Grenze an. Die Einreiseprozedur hatte sich
in diesem Jahr geändert. Wir benötigten eine Einladung und mussten an der
Grenze abgeholt werden. Diese Einreiseformalitäten haben wir lange vor Antritt
mit der Agentur "Saro" und dessen libyschen Pendants "Sari"
abgewickelt. Wir standen also an der Grenze, bestellt und nicht abgeholt.
Jörgen versuchte laufend, Kontakt mit Sari oder Saro zu bekommen, denn hier
funktionierte das Handy noch. Irgendwann hat er jemanden bei Saro in Deutschland
erreicht. Diese sandten sofort ein Fax nach Tripolis. 2 Stunden nach der
vereinbarten Zeit erreichte Jörgen auch schließlich Sari per Handy. Unser
geplanter Begleiter hatte angeblich eine Autopanne. Inzwischen war eine Familie
an der Grenze eingetroffen, die lediglich eine Einladung hatte. Als der
Mitarbeiter von Sari endlich kam, kümmerte er sich mehr um die andere Familie,
denn mit unseren Papieren war alles in Ordnung. Schließlich verschwand er für
2 ½ Stunden und niemand wusste Bescheid. Selbst die Frau aus dem anderen
Fahrzeug, die fließend Arabisch sprach erhielt keine Auskunft. Es war schon
sehr nervig, mehr als 6 Stunden in großer Hitze an der Grenze zu stehen. Dann
war plötzlich die Polizeikontrolle geschafft. Jörgens Handy klingelte. Es war
Saro aus Rosenheim. Sie teilten uns mit, dass seit Montag, dem 2.
Juli 2001 europaweit keine Touristenvisa mehr nach Libyen ausgestellt wurden.
Der Grund war unbekannt. Das gab natürlich für Spekulationen und Vermutungen
ausreichend Gesprächsstoff.
Schließlich waren wir abgefertigt und konnten auf
der Küstenstraße nach Libyen einreisen. Eine Begleitung durch ein
Reiseunternehmen wurde nicht gefordert.
2.
Einstiegspiste und Fort-Piste
Unsere kleine
Einstiegspiste südlich von Misratah hatten wir anhand der alten russischen
Karten geplant. Der Einstieg zur Piste wurde durch Bauarbeiten erschwert. In der
Ferne machten wir ein altes Gemäuer aus, das unser Interesse weckte. War es
eine ehemalige Karawanserei? Eine vorbeiziehende Kamelherde belebte jedenfalls
unsere Phantasie. Ansonsten war die Piste öde. Ab und zu mussten
wir Stacheldraht vom Weg entfernen. Aber die Piste bot eine Alternative zur
langweiligen Strasse.
In Abu Nijan bogen wir dann auf die sogenannte "Fort-Piste" nach Hun
ab. Nach einigen kleineren Sandpassagen ging es auf eine schlecht zu befahrende
Schotterpiste. Bald sichteten wir das erste Fort auf einem Hügel. Vor der
Auffahrt lag ein altes Richtungsschild von einem italienischen
Automobilclub. Nach Hun waren es danach
noch 136 km. Die Ruinenreste des Forts waren von Stacheldraht umgeben. Nicht
weit entfernt entdeckten wir ein weiteres Fort. Nach einer anstrengenden
Kletterei bei ca. 50°C in der Sonne boten sich uns jedoch noch gut erhaltene Mauerreste mit
Zinnen und ein phantastischer Blick über die unendliche Ebene. Als nächstes erreichten wir ein
befestigtes Lager. Die umherliegenden Konservendosen bezifferten wir auf die
Jahre 1924 bis 1928 (soweit das zu erkennen war). Überall lag Stacheldraht. Wir
fuhren vorsichtig. Die weiteren, in der russischen Karte eingezeichneten Forts
auf dieser Strecke stellten sich als Fragmente von Lagern heraus oder sie lagen
auf Hügeln, deren Zufahrt wir nicht fanden. Und immer wieder Stacheldraht. Wir
brauchten nur mal eine Weile den falschen Spuren zu folgen, schon war die
Möglichkeit, zur richtigen Piste zu gelangen, durch auf dem Boden liegenden
Stacheldraht versperrt. Dennoch erreichten wir über eine extreme Wellblechpiste
den Schutt- und Müllplatz von Hun. Hier mussten wir durch, um auf die Straße
nach Zilla und weiter nach Maradah zu gelangen.
3. Piste von
Maradah nach Al Jagbub an der ägyptischen Grenze
Gleich hinter
Maradah gerieten wir auf eine "Schüttelroad". Diese
"Strecke" schlägt alles, was wir bisher an "Straßen" erlebt haben. Von
den 70 km Gesamtstrecke schlichen wir 60 km im Schritttempo dahin. Riesige,
nicht zu umfahrende Schlaglöcher machten unserem armen MAN und uns das Leben schwer. Es
wäre besser gewesen, wenn diese Strecke niemals geteert worden wäre. Selbst
schlechteste Pisten sind besser zu befahren. Neben der Straße zu fahren war
nicht möglich. Diese "Strecke" mündet
in eine sehr gute Straße, die zu verschiedenen Ölfeldern führt. Unser
Etappenziel war die direkte Strecke zur Oase Awila. Bis zum Ölfeld Sahel fanden wir eine
Teerstraße vor. Erst von hier an befanden wir uns auf einer echten Piste. Die
Richtung war durch große Spurstränge gekennzeichnet und eindeutig. Vom 2.
Ölfeld an standen sogar Markierungstonnen dicht an dicht. In Awila auf dem
Markt wurde eine erstaunliche Vielfalt angeboten. Allerdings sind die Waren auch
nicht ganz billig (wenn man uns nicht übers Ohr gehauen hat). Von Helmut
Ottmans, der diese Strecke bereits gefahren war und uns ein Video zur Verfügung
gestellt hatte, wussten wir, dass in Awila eine alte Koranschule existierte. Wir
wussten nur nicht wo. Also irrten wir in der Gegend von Awila herum, trafen
dabei auf einen vollbeladenen Lkw, der in den Sudan wollte und entdeckten schließlich tatsächlich in der Altstadt von Awila
doch die Koranschule. Die
Koranschule fiel schon auf, leider hatte sie geschlossen. Wir waren natürlich
wieder einmal mittags an einer Sehenswürdigkeit, das kennen wir schon. Gebaut worden
ist sie von 1392 bis 1394 und sah mit ihren kegelförmigen Türmchen aus wie
eine alte Karawanserei. Die Sonne stand fast senkrecht, als wir weiter nach Jalu
fuhren. Hier sollte irgendwie die Piste nach Al Jagbub abgehen. Wir kurvten mit
dem MAN durch Vorgärten, winzige Gassen und staubige Pistchen. Nichts zu
finden. Die "Piste" stellte sich schließlich als Straße zur
nächsten Oase heraus. Auch hier kurvten wir wieder durch den Ort, bis wir nach
einigem Suchen den Pisteneinstieg fanden. Bereits nach wenigen Kilometern wurde
der Sand sehr weich und wir mussten die Luft in den Reifen ablassen. Das stellte
sich als hervorragende Idee dar, denn es folgten noch viele Kilometer mit
Weichsand. Tückische Weichsandstellen machten uns das Leben schwer. Trotz
Luftreduzierung saßen wir manchmal fast fest. Die Piste war in größeren
Abständen mit Tonnen markiert. Aber man ist immer in Versuchung, den vielen
ausgeprägten Spuren zu folgen, zumal sich der Sand in Tonnennähe als sehr
weich erwies. Wir folgten häufiger anderen Spuren. Dennoch waren wir
vorsichtig. Die Spuren können, müssen aber nicht in unsere vorgesehene Richtung führen.
Im Endeffekt haben wir uns "lose" an den Tonnen orientiert. In der Ferne
sichteten wir schließlich Dünen, die sich beim Näherkommen jedoch als Hügel
aus Lavagestein erwiesen. Hier war das Sandfeld dann zu Ende. Es führten
Spuren in sämtliche Richtungen. Wir haben uns grundsätzlich an den Hügelzug
gehalten. Wenn dieser in die Ferne rückte, haben wir unseren Kurs korrigiert.
"Da ist versteinertes Holz!". Ich war so mit der Navigation
beschäftigt, dass mich Jörgens Bemerkung völlig überraschte. In der ganzen
Ebene und auf den sanften Hügeln lagen Gruppen von versteinerten Baumstämmen.
Das Gleiche auf den nächsten 20 Kilometern. Auch dicke Baumstämme haben wir
entdeckt. Weil wir immer wieder nach Norden abdrifteten, fuhren wir schließlich
direkt auf die o.a. Hügelkette zu und fanden uns unmittelbar neben Dünen
wieder. Der Piste hieran entlang konnten wir dann gut folgen. Kleine schwarze
Flecken in den Dünen erweckten unsere Aufmerksamkeit. Sie stellten sich als
verlassene Ölbohrstelle von BP oder Shell heraus, die etwas abseits in den
Dünen lagen. Es war zwar sehr heiß, aber wir ließen es uns nicht nehmen, die
Reste zu untersuchen. Als völlig nervig erwiesen sich die Fliegen dieser
Gegend. Sie passten sich dem Tempo des MAN an. Die Fliegen, die wir auf der
einen Seite zum Fenster hinaus warfen, kamen auf der anderen Seite wieder rein.
Echt ätzend! Die leuchtend hellen Sanddünen bildeten einen faszinierenden
Kontrast zu der mit schwarzen Steinen durchsäten Landschaft, die wir
durchfuhren.
"Da siehst
du? Karawanenspuren!" Ich hatte schon fast vergessen, dass wir uns auf der
alten Karawanenpiste von Siwa in Ägypten nach Jalu befanden. Aber die vielen
Gräber, die wir passierten, zeugten von den anstrengenden Reisen, die damals
unternommen worden sind. Immer wieder stießen wir auch auf versteinertes Holz.
Auf einmal wurde der Himmel merkwürdig grau. Es war heiß und der Wind nahm
Sturmstärke an. Nach wenigen Sekunden war das Fahrerhaus des MAN eingesandet.
Stehen bleiben wollten wir nicht, es war einfach zu heiß. So mussten wir mit
geschlossenen Fenstern schwitzen. Die eigentliche Piste und ihre Beschaffenheit
war häufig nicht mehr zu erkennen. Einer kleinen Gruppe Kamele, die hinter
einem Sandhügel Schutz suchte, wollten wir unser uraltes Brot vermachen. Als
ich nach der Aktion wieder zurückkam, war eine erneute Fuhre Sand im
Fahrerhaus, in meinem Mund und in der Nase. Na ja, auch das ist die Sahara.
Etwas abseits der Piste lag eine alte Öl-Bohrstelle, an der außerordentlich viel
versteinertes Holz herumlag. Sogar mehrere große Baumstämme. An diesem Abend
waren wir beschäftigt, auch die Wohnkabine des MAN vom Sand zu befreien.
Überall hatte sich der feine Sand breit gemacht.
Für den
nächsten Tag hatten wir eine Schneeballschlacht in den Dünen geplant. Es
sollte die erste Schneeballschlacht in der Sahara werden, von der wir gehört
hatten. Wir
hatten dafür extra Schnee vom St. Gotthard im Eisfach unseres Kühlschrankes
mitgeführt. Leider war der Schnee im Eisfach gefroren und hatte die Form der
Behälter angenommen. Trotzdem war es lustig, in der Hitze mit den Eiswürfeln
zu spielen. Schließlich erreichten wir einen Brunnen. Die ganze Anlage sah aber
eher wie eine Wasserverteilstation aus. Riesige runde Wasserbehälter,
Druckmesser, Filter, alles verkommen. Baujahr 1979. Die nächste
Wasserverteilstation auf unserer Strecke war ebenfalls verlassen. Hier fanden
wir jedoch in einem Wadi den ursprünglichen Brunnen. Auf der Tonnenabdeckung
lagen 2 tote Schlangen. Eine Echse und eine Spinne verkrochen sich gerade. Der
Brunnen war mit grobgewebten Kamelhaardecken abgedeckt. Wir deckten ihn nicht
auf, denn am feuchten Stoff konnten wir bereits erkennen, dass der Brunnen noch
Wasser führte. Im Wadi selbst wuchsen sogar große Palmen. Ein recht
ungewöhnlicher Anblick für uns, da wir seit der letzten Oase nur ein paar
niedrige Büsche oder vertrocknete Äste gesehen haben. In der Nähe des
Brunnens, Richtung Osten entdeckten wir weiße Sandsteingebilde, die an die
Weiße Wüste in Ägypten erinnern. Auch skurrile Sandrosen "wuchsen"
dort auf den Felsen.
3.a Wir
entdecken eine abgestürzte Ju88
Bereits gestern
hatten wir uns entschlossen, von hier aus weiter nach Osten zu fahren. Auf der
alten russischen Karte hatte ich eine große Piste nach Siwa entdeckt. Diese
wollten wir noch ein Stückchen nach Osten folgen. Aber zunächst mussten wir
die Piste finden. Wir fuhren also in Richtung der von mir aus der Karte
entnommenen Koordinaten. Das war zunächst noch einigermaßen o.k. Wir
überfuhren nur raue Kalksteinplatten und etwas Weichsand. Auch Fahrzeugspuren
und Karawanenspuren waren noch zu sehen. Leider führten die bald nach Süden und in diese Richtung
wollten wir überhaupt nicht. Die rauen Kalksteinplatten gingen bald in kleine
felsartige spitze Erhebungen über. Zeitweise auch grobes Lavagestein. Das alles
machte dem MAN und Jörgen das Fahren schwer. Nach viel Gehoppele und einer
Schleichfahrt erreichten wir einen Koordinatenpunkt der angepeilten "großen
Piste". Aber weit und breit war nichts zu entdecken. Vereinzelte Spuren
führten in alle möglichen Richtungen. Etwas frustriert gaben wir schließlich
auf, denn die Strecke war dem MAN nicht länger zuzumuten. Schließlich wollten
wir mit dem Fahrzeug auch wieder nach Hause. Also wendeten wir uns nach
Norden und umfuhren so gut wie möglich die spitzen Erhebungen. So kamen wir
zumindest etwas "schneller" vorwärts als nach Osten. Das
Fernglas war nun unser bester Freund. Während ich einige Fotosequenzen
"schoss", suchte Jörgen mit dem Fernglas den Horizont ab. Dabei
entdeckte er glitzernde Metallteile. Das war ungewöhnlich, da wir uns auf
keiner Piste befanden. Er vermutete eine Ölbohrstelle oder ein abgestürztes
Flugzeug. Selbstverständlich mussten wir das untersuchen. Die Trümmer erwiesen
sich als Reste einer zweimotorigen Ju 88 aus dem 2. Weltkrieg. Aufdrucke auf
Konservendosen usw. wiesen auf das Jahr 1940-1941 hin. Jörgen fing an, jedes
einzelne Teil eingehend zu untersuchen. Was mag hier passiert sein? Seine
Recherchen ergaben, dass das Flugzeug hier abgestürzt war, aber die Besatzung
gerettet worden ist weil sie als Rettungssignal Reifen verbrannten. Vermutlich
waren auch Teile des Flugzeugs 1965 von Engländern abtransportiert worden.
Indiz waren Konservendosen und Porzellan mit dem Aufdruck "England".
Es war jedenfalls schon ziemlich spannend. Weiter nach Norden fuhren wir mehrere
Abbruchkanten hoch und runter, bis Jörgen in einer Senke viele Tonnen
entdeckte. Die Markierungen stellten sich als ein altes Öl-Camp aus den 50iger
Jahren mit Flugfeld heraus. Das teilten uns zumindest die Aufdrucke der
Konservendosen und der mit Felsstein gelegte Name "Öl-Camp" mit. Eine große Piste führte von hier aus nach Norden und
schließlich über einen Müllplatz mit Stacheldraht nach Al Jagbub.
4. Am
Salzsee an der ägyptischen Grenze
Von Al Jagbub
führt eine gute Straße in Richtung Siwa in Ägypten. Der Grenzübergang ist jedoch
gesperrt. Kurz vor der Grenze erreichten wir den Malfa-Salzsee, der auch von den
Einheimischen gerne besucht wird. Auf einer Sebkha-Piste kann der See umfahren
werden. Da wir keine Leute ausmachen konnten, gingen wir zunächst baden. Das
Wasser hatte eine Temperatur von 28°C. Plötzlich kam ein Geländefahrzeug mit
drei Männern angefahren. Es waren Militärangehörige, die hier in der Nähe stationiert
sind. Sie erzählten uns, dass in dem See große Fische seien, die hier
ausgesetzt wurden. Außerdem warnten sie uns vor Moskitos, die bald kommen
würden. Wir wiesen auf unsere Mückengitter, die doch ziemlich sicher sind. Die
Temperatur ging nur ganz langsam herunter. Um 18.30 Uhr waren es immer noch
39,6°C. Gegen Abend kamen einige Angler, die sich am Ufer niederließen. Im
Mondschein schwebten im MAN Schwärme von kleinen Viechern umher, die wir nur in
dem fahlen Licht sahen. Um 22.10 Uhr (und immer noch 39°C) setzte
urplötzlich ein starker Wind ein, der die Angler völlig überraschte. Deren
Sachen wehten über die gesamte Sebkha. Schnell sammelten sie alles ein und
fuhren davon. Wir waren dankbar über den Wind. Endlich wurde es kühler. Am
nächsten Morgen war Jörgen völlig zerstochen. Er hatte mindestens 100 Stiche.
Ich hatte nichts. Musste wohl daran liegen, dass er gestern ab und zu mal
draußen war. Vom Salzsee aus fuhren wir noch ein Stück in Richtung
ägyptischer Grenze. In einer Senke wurden wir jedoch von den 3 jungen Soldaten gestoppt, die gestern bei uns am See waren. "Die Ägypter schießen sofort,
wenn ihr noch weiter fahrt." Tja, das wollten wir dann doch nicht
riskieren. Für einen Beutel Datteln revanchierten wir uns mit Fotos aus der
Sofortbildkamera und fuhren zurück nach Al Jagbub. Wir besichtigten (natürlich
wieder in der Mittagshitze) eine italienische Schule aus den 30iger Jahren. Ein
großer Innenhof mit Arkadengang, eine Kapelle, Küche und Unterkünfte, alles
war ziemlich gut erhalten. Wir waren nicht sicher, ob die Schule nicht auch als
militärische Unterkunft gedient hatte.
5.
"Explosive" Erfahrung auf dem Weg nach Tobruq
Auf der Straße
nach Norden begleitete uns auf den ersten 50 Kilometern ein 3-reihiger
Stacheldrahtzaun, der Mitte der 30iger Jahre von den Italienern in einigem
Abstand zur ägyptischen Grenze gebaut wurde, um die "Infiltrierung"
der Cyrenaika durch libysche Freischärler zu unterbinden.
Unterwegs
legten wir auf der langweiligen Strecke eine Rast an italienischen Mauerresten
ein. Dann entfernte sich der Stacheldrahtzaun Richtung Osten und war bald nicht
mehr zu sehen.
Auf der
russischen Karte entdeckten wir ein merkwürdiges 4-eckiges Gebilde
eingezeichnet, das in der Karten-Legende nicht auftauchte. Auch Pisten dorthin
waren eingezeichnet. Das machte uns natürlich neugierig. Bei den Koordinaten führte
tatsächlich eine kleine Piste nach Nord-Ost. Durch das Fernglas erkannte ich
nur große Sandanhäufungen und Tonnen. Die Piste führte nicht direkt dorthin,
weshalb wir das letzte Stück querfeldein auf die Sandwälle zufuhren. Dort
waren Tonnen und auf dem Boden lag ab und zu Stacheldraht. "Halt,
Stacheldraht!" rief ich und Jörgen machte eine Vollbremsung. Er schimpfte:
"Eine Vollbremsung auf Stacheldraht ist schlimmer als darüber hinweg zu
fahren." Glücklicherweise sind wir nicht darüber gefahren. "Ich
steig aus und räum das weg." Aber Jörgen gefiel das nicht. Er fuhr
einfach links daran vorbei. In den Sandaufschüttungen war ein Lkw zu erkennen,
der nicht "schrottig", sondern echt gut erhalten aussah. Wir wurden
immer neugieriger. Plötzlich gab es einen lauten Knall und eine Staubwolke zog
an der Fahrerseite vorbei. "Und das war nun Stacheldraht?" Ich schaute
Jörgen ungläubig an. "Nein, das war eine Mine!" Erst einmal tief
durchatmen und genau überlegen, was gemacht werden muss, denn der linke
Hinterreifen war zerfetzt. "Kannst Du genau in der Spur wieder
zurückfahren?" Ich bekam eine Scheiß-Angst. Aber Jörgen schaffte es, auf
der Felge in der Spur zurückzufahren. Ein paar hundert Meter außerhalb eines
Bereiches, der andeutungsweise durch Tonnen und Fragmente von Stacheldraht
abgesichert war, fing Jörgen an, den Reifen zu wechseln. Wir hatten Glück, dass
wir so ein großes Fahrzeug fuhren und das Geschoss nur den Reifen und die Felge
getroffen hatte. An einem kleineren Fahrzeug wäre sicherlich mehr Schaden
angerichtet worden. Es war ein eigenartiges Gefühl, einer so gefährlichen
Situation entkommen zu sein. Jörgen hielt das Sandgebilde
für ein italienisches Versorgungslager aus dem 2. Weltkrieg, das früher
sicherlich mal anständig mit Tonnen und Stacheldraht gesichert war. In der
Zwischenzeit ging ich in der Spur des MAN zurück um noch ein Paar Fotos zu
machen. Aber auf den letzten Abschnitt habe ich dann doch verzichtet. Wir
beschlossen, hier zu übernachten, da der Reifenwechsel doch einige Zeit in
Anspruch genommen hatte. Nun merkte ich, dass ich auch über und über völlig
zerstochen war. Das mussten diese kleinen Viecher am Salzsee gewesen sein, die
durch unsere Moskitonetze hindurch gekommen sind. Richtig fies.
6. Tobruq,
die Stadt der Kriegs-Mahnmale
In Tobruq gibt
es 3 Mahnmale, die an den sinnlosen Krieg von 1939 bis 1945 erinnern. Die
Schlachten um Tobruq herum forderten über 15000 Tote. Wie wir erst jetzt erfahren,
liegen in der Umgebung von Tobruq noch schätzungsweise 5 Millionen Minen,
Bomben und Granaten. Jährlich kommen hier weitere Menschen und Tiere zu
Schaden. Wir besuchten zunächst den französischen Friedhof, den wir durch eine
kleine Seitentür betreten konnten. Es folgte der Friedhof des Commonwealth und
schließlich das deutsche Mahnmal, ein quadratisches "Mausoleum". Dann
suchten wir die "Lady be good", ein Flugzeug, das wegen
Treibstoffmangel in den 40iger Jahren in der Wüste zerschellte. Sie war ein
Anziehungspunkt für Saharareisende, bis sie vor einigen Jahren nach Tobruq
gebracht wurde. Wir befragten mehrere Leute, keiner
konnte mit dem Flugzeug etwas anfangen. 2 Männer brachten uns zu einem Platz,
an dem Kriegsgerät herumstand und behaupteten, dass das Flugzeug noch vor
kurzem hier gelegen hatte. Alle anderen Nachforschungen verliefen ergebnislos,
so dass wir schließlich Tobruq in Richtung Westen verließen.
7. Der
Wasserfall von Darnah, Römische Grabbauten und Apollonia
Darnah ist ein
großer Ort. Hier wollten wir den Wasserfall ansehen, der auf der Expo 2000 in
Hannover in einem Bildband angepriesen wurde. Nun aber wurde es bald dunkel und
die Chance, am Wasserfall zu übernachten wurde immer geringer. Wir fuhren einen
Berg in vielen Serpentinen hinauf. Oben angekommen, stellten wir uns neben die
Mauer eines großen Umspannwerkes. Um 23 Uhr wurden wir unsanft geweckt. Hier
dürften wir nicht stehen bleiben, sonst kommt die Polizei und schießt. Wir
sollten dem anderen Fahrzeug folgen. Ein paar Meter weiter, neben dem Eingang
zum Umspannwerk durften wir dann bleiben. Da versteh’ einer die Libyer.
Am nächsten Morgen folgten wir einem Taleinschnitt, den wir von unserem Berg
aus gesehen hatten. Hier waren wir richtig und erreichten auch nach ca. 8
Kilometern den Wasserfall. Aber dieses Wadi war einfach zu reizvoll, um gleich
wieder umzudrehen. Also fuhren wir es bis zum Ende ab und haben es durch die
vielen landschaftlichen Schönheiten nicht bereut. Auf der Weiterfahrt führte
in Ras al Hilal eine schmale Straße auf die Berge des Al Akhdar. Die Aussicht
auf das Meer war phantastisch. Oben fanden wir viele kleine bestellte Felder
vor. Und mehrere römische Grabanlagen. Außerdem eine alte unterirdische
Befestigungsanlage in den Felsen. Sie war zu Felsenwohnungen ausgebaut worden
und begehbar. In Marsah Susah erreichten wir das Ruinengelände von Apollonia.
Wir schwitzten ziemlich. Die feuchte Hitze machte uns zu schaffen. Aber schön
ist die Lage der Ausgrabungen, direkt am Mittelmeer. Der antike Hafen ist durch
eine Erdabsenkung im Meer versunken. Aber die Stadtmauern, Kirchen und Paläste
sind zu erforschen. Außerdem römische Thermen, Wohngebäude und ein Theater,
das eine phantastische Lage direkt am Meer hat. Von Kindern und Jugendlichen
wird Apollonia als bewachter Badestrand benutzt.
8. Cyrene
und Ptolemais
Eine kleine
Straße führte direkt an vielen Felsengräbern vorbei zum unteren Eingang von
Cyrene. Wir parkten jedoch am oberen Eingang, wo der MAN einigermaßen im
Schatten stehen konnte. Nach den Aussagen im Reiseführer sollte das
Ruinengelände am Montag eigentlich geschlossen sein. Und heute war Montag.
Trotzdem war geöffnet. Cyrene war früher eine große Stadt, die von Griechen
gegründet wurde. Später übernahmen Römer die Herrschaft und so wurde z.B.
aus dem Gymnasium ein Forum. Die Ruinen waren gut erhalten. Das Gelände ist
ausgedehnt und liegt am Hang. Es war warm, aber nicht so schwül wie in
Apollonia. Wir schauten uns den Marktplatz, die Agora mit den vielen umliegenden
Gebäuden (Villen und Tempel) an und gingen langsam zum unteren Teil. In dem
Theater gaben uns libysche Kinder ein Ständchen. Wir besuchten die heilige
Quelle, Bäder und den Apollo-Tempel sowie viele weitere Gebäude und
Tempelreste. Als wir wieder den oberen Eingang erreichten, fanden wir den MAN um
3 Rückstrahler erleichtert vor. Sie waren brutal abgerissen worden. So etwas hatten
wir in Libyen bisher noch nicht erlebt. Unser nächstes Ziel war der Zeus-Tempel, der
nicht weit vom Ausgrabungsgelände liegt. Dort entdeckte Jörgen eine alte Lok
von 1957 der Firma O&K, die in Deutschland gefertigt wurde. Die Lok wurde früher für
Ausgrabungsarbeiten benutzt. Jetzt steht sie in einem "Lokschuppen" so
vor sich hin.
Auf dem
weiteren Weg versuchten wir einen Stellplatz an der Küste zu bekommen. Aber
hier wird alles landwirtschaftlich genutzt. Keine Aussicht auf einen Stellplatz.
Auf dem Weg ins Landesinnere platzte plötzlich der linke vordere Schlauch im
Reifen. Jörgen hatte Mühe, den MAN in der Spur zu halten. Unser 2.
Reservereifen musste jetzt ran. Ein älterer Mann bot seine Hilfe an, die
Jörgen gerne annahm. So brauchten wir den Kran nicht, um den kaputten Reifen
auf die Halterung zu bekommen. Der Mann kannte J.S. Bach und es fiel auch wieder der Name
"Hitler". Wir hatten schon seit Tobruq das Gefühl, dass der Judenhass
in dieser Region recht verbreitet ist. Da es nach dem Reifenwechsel bereits
dunkel war, stellten wir uns in eine Nische an der Straße. Spät abends kam
natürlich wieder die Polizei in einem sehr klapprigen Fahrzeug. Sie bedeuteten
uns unmissverständlich, dass wir an der Polizeistation übernachten müssten.
Da man uns aus dem Tiefschlaf gerissen hatte, waren wir sauer, dass die Libyer
so ein "übertriebenes" Sicherheitsbedürfnis haben. Im Endeffekt
meinen sie es ja nur gut und haben Angst, dass Ausländern in ihrer Region
irgendetwas zustoßen könnte. Uns bescherte dies jedenfalls eine Nacht an der
belebten Plateaustrecke. Nachdem der Reifen in Al Bayda per Hand mit 2
Montierhebeln in 15 Minuten repariert worden war, fuhren wir nach Norden nach Al
Darsia. Dort liegt das antike Ptolemais. Hier wurden wir vom "Supervisor"
des Museums eingeladen, direkt unter den Bäumen am Museum zu campen. Es war
sehr heiß und sehr schwül. Der Supervisor riet uns, erst nach 16 Uhr in die
Ruinen zu gehen. Da sollte der Wind einsetzen und es kühler werden. Irrtum!
Aber die absolute Sehenswürdigkeit, die riesigen Wasserreservoirs, in deren
Gewölbe wir herabstiegen, waren absolut faszinierend. Wir merkten die Hitze
erst wieder, als wir den MAN erreichten. Es war schön hier, aber leider auch am
nächsten Tag viel zu heiß. Obwohl uns die Hochzeit, die hier mitten auf der
asphaltierten Straße vorbereitet wurde (sogar der Verkehr wurde umgelietet), mächtig interessiert hätte, hielten wir die Hitze
nicht aus und fuhren weiter nach Sirte. Die Strecke dorthin war eigentlich nichts
anderes als
langweilig.
9. Strecke
von Abugrin über Mizda nach Darj und weiter nach Ghadames
An einem
Abzweig nach Mizda bogen wir auf der Straße links ab und wurden von
abwechslungsreichen, kleinen grünen Flecken und Landwirtschaft überrascht.
Dann fuhren wir an einem Wadi entlang. Dieser Abschnitt war Balsam für unsere
Augen. Große saftig grüne Bäume standen in dem Wadi. Auf der rechten Seite
waren Hügel und teilweise Ruinen (Wehrhöfe?). Es war heiß, aber trocken –
für uns viel besser zu ertragen als die Hitze in Ptolemais. In Mizda folgten
wir einer Straße nach Westen. Nach einigen Kilometern ging die Straße in eine
Piste über und wir fanden endlich wieder die Ruhe der Wüste. Viele kleine
Pisten führen nach Bir Allag. Wir mussten einfach nur die Richtung beibehalten,
was z.T. nicht sehr einfach war. Kurz vor Bir Allag erreichten wir einige
Hütten mit einer funktionierenden Tankstelle. Das hatten wir auf einer Piste
nicht erwartet. Von Bir Allag aus wollten wir der russischen Karte folgen.
Leider erwiesen sich die Pisten in dieser Region als völlig anders. Wir
behielten den Kurs Süd-Südwest bei und konnten so immer gut befahrenen Pisten
folgen. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass wir zu sehr nach Süden
fuhren. Ich wollte eigentlich noch länger in der Wüste bleiben. Also bogen wir
nach Westen ab. Wenige Spuren waren zu sehen, aber die Richtung war gut. Nach
einigen Kilometern führte wieder eine Piste nach Süd-Südwest. Nur da war
schon lange niemand mehr gefahren. Trotzdem hatte ich diesmal im Gegensatz zu Jörgen
überhaupt keine Bedenken, auf einer alten Strecke entlang zu fahren. Man muss
sich allerdings im Klaren sein, dass wir sehr viele Kilometer vom nächsten Ort
entfernt waren. Dennoch waren wir schon einsamere Strecken gefahren. Hier
empfand besonders ich es als kalkulierbares Risiko. Die Strecke bot eigentlich
nichts Besonderes außer Wüste und schöne holprige Sebkhaüberfahrten. Ca. 30
km von Darj entfernt trafen wir auf eine bewachte Schafherde. Kurz vor Darj
erreichten wir dann die Teerstraße. Von hier aus war es ein Leichtes, die Oase
Ghadames zu erreichen.
10. Ghadames
und sein "Lac"
In der Nähe
von Ghadames befanden wir uns wieder mitten in Sanddünen. Die großen Dünen
des Erg Oriental in Algerien waren in der Ferne auszumachen. Ghadames selbst ist
eigentlich ein netter, ruhiger Ort. Allerdings ist hier alles etwas teurer als
in den Küstenstädten. Nachdem wir uns einige skurrile Lehmbauwerke angesehen
hatten, fuhren wir zur Altstadt. Ein älterer Mann wollte uns führen. Er sprach
allerdings nur französisch und deshalb lehnten wir ab. Die Besichtigung kostete
uns 5 Dinar pro Person. In den teilweise überdachten Gängen war es angenehm
kühl. Die Bauten werden zum Teil restauriert. Bei einer Moschee saßen mehrere
Männer, die wir bei unserem Rundgang mehrmals passierten, auch als wir zum
Schluss in den vielen Gassen etwas die Orientierung verloren hatten. Ich zumindest wusste überhaupt
nicht mehr wo ich war und wie ich zum MAN zurückkommen sollte. Die Männer bei
der Moschee fanden das ziemlich lustig. Ein GPS wäre vielleicht sehr hilfreich
gewesen. Aber Jörgen hatte wenigstens noch eine Ahnung und brachte uns
schließlich sicher zurück. Weiter auf unserem Programm stand der Besuch des
Sees von Ghadames. Das Blechschild, das den Schriftzug "Lac" enthält,
lag am Straßenrand. Zudem ist der Schriftzug nur zu lesen, wenn man weiß, was
drauf steht. Auf einer holprigen Piste und über eine weite Sebkha ging es zu
den Seen. Ja, Sie haben richtig gelesen – Es waren 2 Seen. Ein größerer,
flacher und ein kleiner, tiefer Salzsee. Kein Mensch hielt sich dort auf.
Vielleicht war es zu heiß? Das wäre verständlich, da dort keinerlei Schatten
zu erwarten ist. Auf der Weiterfahrt nach Nalut übernachteten wir am Abbruch.
Überall waren Autos zu sehen, deren Besitzer neben den Fahrzeugen schliefen.
Eine Hitzewelle? Auf dem Weg nach Norden sahen wir sehr viele Kamele. Die waren
uns auf unseren letzten Fahrten nicht so aufgefallen. Wir fuhren ohne
Reiseveranstalter zur Grenze und hatten keine Probleme bei der Ausreise.