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Libyen 2001

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Libyen 1996-1999

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Libyen und Tschad

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Libyen

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Libyen 1996 - 1999 Flagge Libyen

 

 

Auszüge aus den Tagebüchern Libyen

 

1996

Sonnabend, 13. Juli 1996

 

Wie geplant, fuhren wir zur Piste zurück. Unser nächster einprogrammierter Orientierungspunkt war der Brunnen El Hassi. Da die Piste sich aber immer mehr in Richtung Norden und damit zum Polizeikontrollpunkt Awaynat Wnin wendete, bogen wir wieder mal ab und folgten direkt den GPS-Koordinaten. Ein kleiner Sandsturm kam auf, der uns die Sicht nahm. Der knapp über dem Boden dahinsausende Sand verwischte sämtliche Spuren. Es war rein gar nichts zu erkennen. Aber wir folgten weiterhin den Koordinaten. Plötzlich war wieder schwach eine Piste da. Leider teilweise mit Weichsand. In der Ferne meinten wir, mehrere Lkws zu erkennen. Was die dort nur machen? Wir kamen immer näher und sahen, dass dort wahrscheinlich eine Pipeline gebaut wurde. Öl oder Wasser? Oder vielleicht doch nur ein Brunnen? In der Nähe der Bauarbeiten versuchten wir eine befestigte Piste zu erreichen, auf der die Lkws entlang fuhren. Völlig unerwartet saßen wir mal wieder in dem Weichsand fest. Als wir anfangen wollten zu schaufeln, was in dem Sandsturm besonders unangenehm war, näherte sich von der Baustelle her ein Lkw. Die beiden Inder wollten helfen. Mit Hilfe eines Stahlseiles sollte der MAN rausgezogen werden. Schließlich klappte das auch. Unsere Frage nach dem Brunnen El Hassi ergab, dass wir erst einmal 2 Kilometer auf der von dem Bautrupp angelegten Piste zurück und dann im spitzen Winkel rechts einbiegen sollten. An der Abzweigung wartete bereits der Lkw und die Inder wiesen uns den Weg. Die geschobene Piste war wiederum sehr sandig. Schließlich sahen wir den Brunnen El Hassi (Brunnen-Brunnen), der weit links von der Piste entfernt liegt. Hier lagerte übrigens Heinrich Barth (1821-1865) auf seiner "Großen Reise" vom 23. auf den 24. April 1850. Viele Dromedare und Menschen waren dort, jedoch kein Baum oder Strauch. Aber wir hatten wieder einen Orientierungspunkt auf unserer Strecke nach Idri erreicht. Eine riesige Sandpiste führte nach Süd-Südwest. Dann mussten wir einen Dünenrücken queren. Der MAN wollte da aber einfach nicht hoch, er grub sich ein. Das war das erste Mal, dass wir die Luft aus den Reifen lassen mussten. Wir ließen die Luft auf 1,5 bar ab. Während wir arbeiteten, kam ein Baufahrzeug, das die Piste immer wieder glättete. Irgendwie muss hier mehr los sein als wir bisher bemerkten. Kaum gedacht, kam auch schon von hinten ein Lkw, bog aber kurz bevor er uns erreichte nach links ab und überquerte ohne Probleme einen kleineren Dünenhügel. Dabei war er auch schwer beladen, hatte aber wesentlich breitere und größere Reifen als der MAN. Und schon wieder kam ein Lkw. Diesmal von vorne über den großen Hügel. Der Fahrer meinte, wir sollten die Luft lieber auf 1,1 bar ablassen und anschließend auch nach links, über den flacheren Dünenkamm fahren. Jörgen und ich einigten uns schließlich auf 1,2 bar, da die Reifen bereits "platt" aussahen. Wir folgten dem Rat und fuhren nach links über den Dünensattel. Übrigens, was ich zu erwähnen vergaß, wir wollten jetzt der Beschreibung von Matthias Smoliner folgen, der die Piste von El Hassi nach Idri in GPS-Koordinaten beschrieben hat. Jörgen jedoch folgte hartnäckig einer gut markierten Piste in die Dünen hinein. Das war aber weder die von Göttler noch die von Smoliner beschriebene Piste, denn wir folgten einer Dünenpiste, die speziell für den Pipeline-Bau gebraucht wurde. Hinein ging es also, mitten in die Dünen. Nur Sand, Sand, Sand. Zum Glück waren hier Bauarbeiter zu sehen, oder es kam ein Fahrzeug entgegen. Jörgen fragte nach dem Weg nach Idri. Die Bauarbeiter wiesen weiter in südlicher Richtung und meinten, es kommt irgendwann ein Schild, da steht "Idri -links-". Das glaubte ich einfach nicht. So etwas gibt es nicht. Wer weiß, was die unter einem "Schild" verstehen. Sicherheitshalber achtete ich auf alles, was nicht nach Sand aussah. Es ging die Dünen bergan und bergab. Der Wind wehte ständig und war schon leicht stürmisch. Wir fuhren an der Pipeline entlang, die Koordinaten von Smoliner stimmten schon lange nicht mehr. Das verunsicherte mich wieder stark. Als einige Kilometer lang kein Bauarbeiter mehr zu sehen war und uns auch kein Fahrzeug mehr begegnete, war ich schon echt verzweifelt. Aber Jörgen fuhr stur weiter. Hinter jeder überquerten Düne erwartete uns nur Sand, Sand, Sand. Schließlich waren auch wieder Arbeiter da und ich wurde ruhiger. Eine erneute Frage nach Idri und wieder diese Antwort: Nach ungefähr 60 Kilometern steht ein Schild, links nach Idri und geradeaus nach Ubari. Die spinnen doch! Das gibt’s doch gar nicht. Irgendwann, auf unserer Fahrt "Dünen rauf und Dünen runter" hörten wir ein merkwürdiges Geräusch. Wir stiegen aus, sahen aber nichts Auffälliges. Und dann entdeckten wir sie, diese Schilder. Insgesamt waren es drei und sie wiesen tatsächlich in Richtung Idri und Ubari. Jörgen wollte gerne nach Ubari weiterfahren, denn diese Gelegenheit, so sicher über die Dünen zu kommen, hätten wir nie wieder. Ich machte ihn anhand der Karte darauf aufmerksam, dass wir nach Sebha müssten, um die erforderlichen Genehmigungen für das Wadi Mathendous, Mandara und Waw el Namus zu erhalten. Angeblich ist die Genehmigung nicht für alle diese Sehenswürdigkeiten notwendig, aber ich wollte kein Risiko eingehen. Jörgen ließ sich überzeugen, da wir von Ubari aus wieder eine ganze Ecke zurückfahren müssten um nach Sebha zu gelangen. Wir bogen also in Richtung Idri ab. Mehrere Fahrzeuge kamen uns entgegen. Auf eine Düne hinauf fuhr der MAN dann etwas merkwürdig. Der Grund war leicht zu erkennen; der rechte Hinterreifen war platt. Jörgen baute ihn ab, wollte aber nicht unbedingt den Reservereifen herunterholen. Schließlich handelt es sich um Lkw-Reifen, die nicht besonders leicht waren.

Mehrere Pick-Up´s fuhren in unsere Richtung. Als der erste Wagen hielt, erfuhren wir, dass ein französisches Camp in der Nähe sei. Auch der Reifen könne dort repariert werden. Jörgen und der kaputte Reifen fuhren mit und ich blieb beim MAN. Zunächst saß ich im Fahrerhaus. Es kamen mehrere Fahrzeuge vorbei. Die Fahrer fragten jedesmal, ob alles in Ordnung sei. Ich signalisierte jedesmal ein "o.K.". Dann wurde es mir zuviel und ich dachte, wenn ich hinten im Wagen wäre, würden sie vielleicht vorbeifahren. Denkste! Erst fuhren die Wagen durch, setzten dann aber zurück und hupten so lange, bis ich das "o.K." signalisierte. Plötzlich kam Jörgen mit dem Pick-Up und einem Fahrer zurück. Die Reparatur des Reifens sollte länger dauern, da der Schlauch nur noch aus kleinen Fetzen bestand. Also musste doch der Reservereifen ran. Der Fahrer sollte ihm dabei helfen. Wieder kam ein Fahrzeug vorbei, hielt unvermittelt und mehrere Männer sprangen heraus. Sie schnappten sich den Reifen, den Montierhebel und ruckzuck war der Reifen dran. Nach einem kurzen Händeschütteln sprangen sie wieder in den Wagen und brausten davon. Auch der Fahrer des Pick-Up´s fuhr wieder Richtung Camp. Wir versprachen, gleich nachzukommen. Aber wie das nun mal so ist, es kam alles etwas anders, denn der MAN stand plötzlich wieder unter Wasser. Natürlich regnete es nicht, aber der halbe Inhalt des Brauchwassertanks hatte sich im vorderen Teil des Aufbaus verteilt. Eine Schlauchschelle hatte sich gelöst. Wir schöpften das Wasser ab und wischten wie verrückt. Wieder kam ein Wagen vorbei und der Fahrer fragte, ob alles in Ordnung sei. Er war vom Camp geschickt worden, da wir bereits überfällig waren. Mich überfiel ein irres Gefühl von Sicherheit. Aber wir versprachen, gleich nachzukommen. Nach 100m machte der MAN "bubb, bubb, bubb" und dann gar nichts mehr. Was war denn nun schon wieder los? Harmlos, denn der kleine Tank war nur leer. Schnell auf den großen umgeschaltet und weiter gings. Noch ein paar Kilometer Sand, dann folgte eine befestigte Piste, die extra für den Pipeline-Bau angelegt worden war. Die Wache am Eingang des Camps hielt uns auf. Er musste erst Mr. Colin fragen, schließlich kommt nicht jeder in ein Camp hinein. Nachdem Mr. Colin wohl grünes Licht gegeben hatte, konnten wir unseren Reifen besuchen. Er war inzwischen repariert worden und wurde wieder anmontiert. Der Ersatzreifen landete mittels Gabelstabler wieder auf unserem Reserveradhalter. Sehr bequem. Immer mehr Menschen kamen, um zu gucken, wer denn da gekommen ist. Es war mal eine kleine Abwechslung in dem eintönigen Alltag. Wir wurden sehr bedauert. Da fahren die doch durch die Wüste und haben noch nicht mal eine Klimaanlage. Was waren wir doch für arme Schweine. Immer wieder wurde uns gesagt, dass wir uns vor unserer Abfahrt noch bei Mr. Colin melden sollten. Wir versprachen es. Dann wurde uns Diesel angeboten. Da unser kleiner 200l-Tank gerade leer war, nahmen wir das Angebot gerne an. Wir fuhren zum Chef, Mr. Colin. Er gab uns einen Schlüssel für einen leerstehenden Container. Dort könnten wir in Ruhe duschen. Um 20.15 Uhr wollte er uns dann zum Essen einladen. Obwohl wir fast jeden Abend geduscht hatten, war das etwas besonders. Wir brauchten nicht auf die Wassermenge achten; das war einfach toll. Der ganze eingefangene Sand dieses Tages fand sich im Duschbecken wieder. Dennoch erschien es mir merkwürdig, dass Mr. Colin uns noch über eine Stunde bis zum Abendessen gab. Da meinte Jörgen, hier wäre es vielleicht eine Stunde weiter als in Tunesien. Er hatte die Armbanduhr von Mr. Colin gesehen. Also fragte er sich nach dem Container von Mr. Colin durch. Dort waren mehrere Männer, die griechisches Fernsehen sahen (über Satellit, aber mit vielen Störungen). Wir wurden zum Bier eingeladen. Natürlich war es alkoholfrei. Das gab es neuerdings in Libyen. Um 20.15 Uhr gingen wir dann zum Essen. Es war tatsächlich schon eine Stunde später. Uns wurde Hühnersuppe, Putenfleisch mit Karotten, Reis und gebackenen Kartoffeln serviert. Anschließend noch Käse und als Krönung auch noch Speiseeiskugeln. Das war was für Jörgen, den Eisfan. Die Unterhaltung mit Mr. Colin und zwei anderen wichtigen Leuten im Camp war in Englisch. Normalerweise wurde aber französisch gesprochen. Die Pipeline soll im Frühjahr nächsten Jahres fertig sein. Dann wird die gefahrene Piste auch wieder verwehen. Die Leute im Camp arbeiteten 3 Monate ununterbrochen an 7 Tagen in der Woche. Anschließend haben sie 3 Wochen Urlaub. Aber sie verdienen auch sehr gut und können ja auch nichts ausgeben. Mr. Colin hatte über Satellitenfoto ein Castel (Burg) gefunden und meinte, dort wäre es sehr schön. Gar nicht weit von hier entfernt. Er bot uns an, im Camp zu übernachten, was wir sehr begrüßten, da es bereits stockdunkel war. Auch zum Frühstück wurden wir eingeladen. Angesichts der angeschlagenen Frühstückszeiten 3.30 Uhr bis 6.30 Uhr, fragten wir gespannt nach der Zeit. Der Küchenchef wurde geholt. Wir könnten zu jeder Zeit kommen, es ist völlig egal und wenn es 10.00 Uhr ist. Als wir den klimatisierten Kantinen-Container verließen, hat uns die Hitze fast erschlagen. Die Wärme war uns bisher gar nicht so aufgefallen. Durch die Anstrengung an diesem Tag bekamen wir Krämpfe. Es blieb uns nichts anders übrig, als Salztabletten zu nehmen, um einigermaßen ruhig zu schlafen.

 

Montag, 22. Juli 1996

 

Wir fuhren wieder zum "Hotel". Nur Salam war da. Er empfing uns freudig mit frischen Weintrauben. Wiederum duschten wir ausgiebig. Dann wollten wir ansich nur noch unsere Wassertanks auffüllen und weiterfahren. Wir hatten den Zeitpunkt der Ankunft mit Bedacht gewählt, da noch lange keine Mittagszeit war und wir so nicht wieder zum Essen eingeladen werden würden. Aber Salam redete so lange auf uns ein (wir verstanden allerdings nur einen Bruchteil) bis wir in ein Essen einwilligten. Das hieß erst einmal wieder warten. Salam zeigte uns die Plantage. Unter der Sahara gibt es riesige Wasserreservoirs, die schon seit Urzeiten dort sind. Dieses fossile Wasser wird für das Agrar-Projekt aus 800m Tiefe heraufgepumpt. Unterwegs bekamen wir frische Weintrauben und Zitronen von den kleinen Zitronenbäumchen. Manche Pflanzen werden nur angebaut, um später als Windschutz zu dienen. Durch die ständige Bewässerung wird der Boden durch die im Wasser enthaltenen Mineralien salzig und die Bäume gehen ein. Dann wollte Salam uns etwas besonderes zeigen. Dafür mussten wir in seinem Toyota-Pickup mitfahren. Der war allerdings mehr als schrottreif. Bevor wir losfuhren, mussten wir ihn erst einmal anschieben. Die rechte Tür war nur durch einen Draht zu öffnen. Die Batterie stand auf dem Fußboden auf der Beifahrerseite. Motorhaube, Stoßstange und Kühler wurden notdürftig mit einem Seil zusammengehalten. Damit fuhren wir mit höchstens 20 km/h zu einem Schaf- und einem Kamelgehege. Bei einer höheren Geschwindigkeit hätte das Auto das sicher nicht überlebt. Immer wenn wir eine kleine Bodenwelle überfuhren, ging die Fahrertür auf. Salam amüsierte sich, weil ich das lustig fand. Anschließend ging es zurück zum Gesellschaftsraum und dem in arabischen Ländern besonders geliebten Fernseher. Wir sahen eine Art arabische Boulevard-Komödie. Zwischendurch wurde der Fernseher, wie bereits bekannt, immer wieder in das andere Zimmer zum Receiver gebracht und einjustiert. Ein Mann, der sich im Gesellschaftsraum aufhielt, sah genau aus wie der Schauspieler Manfred Krug, allerdings mit dunkler Hautfarbe. Ein anderer rauchte Wasserpfeife, die er selbst gebaut hatte. Gegen 14 Uhr trafen immer mehr Männer ein. Einer der Männer hatte draußen eine ca. 70 - 80 cm große Viper gesehen. Das verursachte einige Aufregung. Auch hier, wo man doch viele Schlangen vermutet, war das also nichts alltägliches. Die beiden Köche im Agrar-Projekt kommen aus dem Niger und sprechen daher auch am besten Englisch. Es gab Nudeln mit scharfer Soße, Salat (Tomaten, Gurken, Peperoni, Zwiebeln), Brot, viel Wasser und wiederum Fleisch und Chips. Einer der Männer hatte Kopfschmerzen. Jörgen bemerkte, dass er ja auch draußen ohne Kopfbedeckung arbeiten würde. So wurden wir neben einer Packung Aspirin auch noch eine AMR-Globetrottermütze mit Nackenschutz los. Auch Salam wollte gerne so eine Mütze. Dann fuhren wir zusammen mit Salam los, um Nafta zu tanken. Wieder erhielten wir ohne Bezahlung Diesel. Der Treibstoff befand sich in einem Tankwagen. Beim Umfüllen in den MAN sind ca. 10-15 Liter danebengegangen. Aber das ist alles "NO PROBLEM". Wir verabschiedeten uns herzlich und machten uns auf den Rückweg. Das bedeutete bis zum Kontrollposten wieder diese schreckliche Wellblechpiste. Dort angekommen, erkannten wir einen, der auch im "Hotel" war, als wir dort am Freitag ankamen. Ein anderer wollte einen Stylo, um die Personalien in das Buch einzutragen. Den hatte er aber schon auf der Hinfahrt abgestaubt. Also warteten wir ab und tranken Tee. Plötzlich ging es auch ohne Eintragung. Aber Fotos mussten sein. Jörgen machte von jedem zusammen mit dem MAN ein Polaroidfoto. Auf dem für uns bestimmten Foto durfte aber die Kontrollstation nicht zu sehen sein (militärisches Gebäude). Dann wurden wir freundlich verabschiedet. Jörgen fuhr sehr zügig. Ich wurde auf meinem Sitz hin- und hergeschüttelt. Im Sandfeld, mit dem wir auf der Hinfahrt einige Schwierigkeiten hatten, verloren wir die Orientierung zur Piste. Der Sand war jedoch so fest, dass wir die Luft nicht abzulassen brauchten. Zumindest so solange nicht, wie wir genügend Schwung hatten. In der Ferne waren ein Richtfunksendemast und Palmen zu erkennen. In diese Richtung führte auch eine Spur. Wir gelangten in das Ortsrandgebiet von Timsah. Es waren nur Palmbüsche zu sehen. Dann, ca. 700m vor der Straße saßen wir doch fest. Der Sand war mit einem Mal sehr weich. Hier half wieder nur Luftablassen. Dann gings auf die Straße. Luft wieder aufblasen und weiter. "Mach mal die ganzen Fenster und die Dachluken weit auf, damit die Wärme rausgeht." Ich kroch also nach hinten und öffnete gerade das zweite Fenster, da hörte ich einen Schrei: "Mach alles dicht, ein Sandsturm!!" Es war wirklich ein sehr starker Wind und der Sand wirbelte durch die Luft. So fuhren wir unserem einstigen Stellplatz entgegen, in der Hoffnung, dass wir dort, einigermaßen geschützt, einige Fenster öffnen könnten. Das war jedoch ein gewaltiger Irrtum. Wir konnten gerade mal 2 Fenster einen kleinen Spalt öffnen. Allerdings hatten wir da auch nach kurzer Zeit bereits Sandberge auf dem Tisch. Wir resümierten darüber, dass wir doch eine Menge Schwein gehabt hatten und nicht mehr im Sandfeld steckten. Dort hätten wir den MAN mit Sicherheit am nächsten Morgen ausgraben müssen. Es war sehr warm und es stürmte mächtig.

 

1998

Donnerstag, 6. August 1998

 

Wir sind zeitig aufgebrochen. Am Ende von Timsah ging die Straße wie gehabt in eine Piste über. Ein paar hundert Meter weiter war die Piste von einem kaputten Abwasserlauf überschwemmt. Am Rand des Wassers führten Autospuren weiter. Ohne groß nachzudenken folgten wir den Spuren. Und was dann geschah, kam völlig unerwartet. Urplötzlich brach die Erde unter dem MAN weg und er sackte neben einem Tamariskenbusch senkrecht bis zur Stoßstange ins Erdreich ein. Wir stiegen aus und waren zunächst sprachlos. So tief hatten wir den MAN bislang noch nie eingegraben. Lediglich das linke Hinterrad war noch halb zu sehen. Deshalb versuchte Jörgen zunächst rückwärts wieder rauszufahren. Aber der MAN bewegte sich keinen Zentimeter. Also hieß es buddeln. Jan strahlte, endlich hatte er die "Action", auf die er so lange gewartet hatte. Wir buddelten und buddelten. Als wir den MAN einigermaßen freigelegt hatten entdeckten wir Wasser unter den Reifen. Trotz des Einsatzes aller Sandbleche, der MAN wollte einfach nicht aus dem Loch heraus. Zum Glück befanden wir uns immer noch in der Nähe von Timsah. Also versuchte Jörgen sein Glück und ging in den Ort zurück um Hilfe zu holen. Timsah ist ein kleiner Ort, so ziemlich am Ende der Welt. Die Straße endet hier und die Piste führt in die Extremwüste. Deshalb war die Aussicht auf Hilfe eigentlich nicht sehr groß. Größere Fahrzeuge, die uns helfen könnten, hatten wir auf der Durchfahrt auch nicht gesehen. Dennoch waren wir hier ja nicht in Gefahr, es war alles lediglich eine Frage der Zeit. Plötzlich tauchte an einer Kreuzung ein Lkw auf, der zur anderen Seite abbiegen wollte. Jörgen lief wild gestikulierend auf ihn zu und der Fahrer hielt. Jan und ich waren inzwischen auch nicht untätig und legten den MAN immer weiter frei. Wir rechneten eigentlich nicht mit baldiger Hilfe. Deshalb waren wir überrascht, als nach einiger Zeit ein weißer Lkw auf uns zukam. Jörgen und der Fahrer stiegen aus. Mehrere Bergegurte mussten hintereinander verbunden werden, um den Wasserbereich zu überbrücken. Der Lkw fuhr rückwärts an und zog den MAN ohne Probleme aus dem Loch heraus. Der Fahrer war glücklich, dass er uns helfen konnte und wollte keine Anerkennung. Eine kurze Umarmung mit Jörgen und er stieg in seinen Wagen und fuhr weg. Wir brauchten noch einige Zeit, alle Bergeutensilien wieder einzusammeln.

Dann suchten wir einen anderen Weg. Wir irrten in den Vorgärten von Timsah herum. Auch auf mein Fragen bekamen wir nur die ungefähre Richtung angezeigt. Aber wer lange sucht, der findet auch. Nachdem Jörgen uns durch eine äußerst schmale Gasse manövriert hatte, befanden wir uns auf der richtigen Piste nach Waw el Kebir. Kurz vor dem großen Sandfeld ließen wir wieder Luft ab und fuhren diesmal links von der Piste über die Dünen. Hier gab es keine spitzen Eisenstangen wie auf der rechten Seite, auf die man aufpassen muss; es ließ sich gut fahren. Am Ende des Sandfeldes erwartete uns wieder der Schrottplatz mit den kaputten Militärfahrzeugen. Hier pumpten wir die Reifen wieder auf und begaben uns auf die holperige Fahrt. Die Polizeistation, die vor zwei Jahren noch hoch oben auf einem Pass thronte war verlassen. Den Schriftzeichen an den Wänden nach war sie ca. im März 1998 aufgegeben worden. Auf einen neuen Checkpoint trafen wir direkt am Abzweig zum Agrar-Projekt. Ein Schild mit der Aufschrift "Waw en Namus" wies direkt zum Projekt. Damit ist die Strecke über Waw el Kebir gesperrt. Unsere Namen und der MAN wurden hier ausnahmsweise mal wieder in das große Buch eingetragen. Einer der Polizisten erinnerte sich, unseren MAN auf Fotos eines Kameraden gesehen zu haben. Wir hatten vor zwei Jahren mit der Sofortbildkamera bei der alten Polizeistation Fotos gemacht. Tja, und nun kamen wir natürlich um weitere Bilder nicht herum. Jörgen musste viele verschiedene Fotos schießen. Während wir Tee tranken, wurden die unterschiedlichsten Posen ausprobiert. Aber sie waren total glücklich. Schließlich war alles o.k. und wir durften weiter. Am "Waw-Hotel" im Projekt angekommen, fragten wir nach Trinkwasser und ob wir duschen dürften. Kein Problem. Die Gästebücher bekamen wir sofort in die Hand gedrückt. Ein Mitarbeiter war auch schon vor zwei Jahren da. Er erkannte uns sofort und hat sich sehr gefreut. Jan wollte sich alle Eintragungen ganz genau ansehen und hatte zunächst gar keine Lust zum Duschen. Wir bekamen Wasser und Weintrauben. Einer der Mitarbeiter, Ahmed war Ägypter und sprach gut englisch. Nach dem Duschen kamen zwei jüngere Mitarbeiter und fragten uns, ob wir ein Auto ziehen könnten, das im Sand steckt. Natürlich konnten wir. Ich fuhr mit, um Fotos zu machen. Jan sah sich lieber die Gästebücher an. Das Auto entpuppte sich als Trecker mit Anhänger, der nicht mehr ansprang und an einer Hecke stand. Jörgen zog ihn zunächst rückwärts von der Hecke weg und dann vorwärts, bis er ansprang. Erstaunt waren wir, hier einen Storch zu sehen. Aber im Sommer kommt immer ein Storchenpärchen hierher und zieht ihre Jungen auf. Wir füllten unsere Wasservorräte auf, trugen uns in das Buch ein und wollten weiter. Jan war enttäuscht, dass wir nicht dort bleiben wollten. Aber in unserer Erinnerung war die Nacht im Projekt vor zwei Jahren eine der schlimmsten auf der ganzen Reise. Der Generator, der die halbe Nacht lief und die Hunde, die uns damals bellend wachhielten sowie diese vielen Mücken schreckten doch ab. Unsere Abfahrt wurde auch sofort akzeptiert. Die Klagen in den Gästebüchern bezüglich Unfreundlichkeit und "Abzocken" können wir nicht bestätigen. Wir bezahlten wieder nichts und bekamen sogar noch drei warme Fladenbrote mit auf den Weg sowie eine Adresse in Ägypten. Dort sollten wir uns unbedingt melden, wenn wir mal wieder in Kairo sind. Es war bereits dunkel, als wir das Projekt verließen. In der Nähe eines Reifens mit altem AMR-Aufkleber haben wir den Stellplatz auf einem kleinen Hügel gewählt. Als wir schlafen gingen, hatten wir noch 34°C, morgens um 6.30 Uhr aber nur noch 29°C.

 

Sonntag, 9. August 1998

 

Wir fuhren ca. 30 km querfeldein, Kurs ungefähr 20°. Wir sahen auch Fahrzeugspuren, aber keine Piste. Sehr bald sieht man in der Ferne die Zeugenberge, die von weitem noch wie ein Gebirgskomplex wirken. Das war unser Kurs. Erst kurz bevor man den Komplex erreicht, erkennt man die vielen einzelnen Zeugenberge. Wir fuhren zwischen den Bergen herum und blieben manchmal fast im Weichsand stecken. Im großen und ganzen ließen sich die Täler aber gut befahren.

Der Geologe Frithjof Ohin schildert diese Gegend so:

"Diese Berge besitzen eine sehr große Formenvielfalt, die von großen, kantigen, ca. 30-50 m hohen Klötzen, die an einzelstehende Zähne erinnern, über Kegelstümpfe und spitzen Kegeln bis zu kleinen Gesteinshaufen, die aus verstürzten Felsplatten bestehen, reicht.

Zwischen den hellen Felstürmen kann man über sandige Passagen dieses phantastische Labyrinth aus Tälern und Formen erschließen.

Gelegentlich findet man weißgelbe, runde Calcitkonkretionen, die entfernt an einen Blumenkohl erinnern und innen hohl sind. Die Schale besteht aus mehreren zusammengewachsenen Knollen und ist zwischen 0,5 cm und 1,5 cm dick.

Verläßt man das Fahrzeug und erkundet einzelne Abschnitte zu Fuß, so stellt man fest, dass die Gipfel der Zeugenberge fast alle auf gleichem Niveau liegen. Es handelt sich bei dieser Landschaft um einen Plateau, das in Hunderte von Zeugenberge zerfällt und sich auflöst.

Die oberste Partie der Felstürme besteht aus einem harten Kalkstein, darunter kommen in Wechsellagerung Horizonte, die aus Ton oder Lehm, Sand oder wieder Kalkstein bestehen.

Der meist aus Westen kommende Wind kann auf der sandigen Ebene, die wir zum Teil überquert haben hohe Geschwindigkeiten erreichen und Sand aufnehmen bzw. transportieren. Der mit Sand beladene Wind trifft auf seinem weiteren Weg frontal auf das Plateau und erodiert die weicheren Ton und Lehmlagen unter den härteren Kalksteinbänken weg. Daraufhin kippen die Kalksteinplatten nach unten.

Je nach Windstärke erfolgt der äolische (= durch den Wind )Transport des Sandes im Bereich knapp über der Geländeoberfläche. Bei einem sehr starken Sturm wird Sand in der Regel bis in eine Höhe von 2 m hoch gerissen. Über einem Niveau von 2 Meter über Gelände wird nur noch Staub transportiert.

Die unteren Abschnitte der Hügel und somit auch die Kalksteinbänke sind vermehrt dem Sandstrahlgebläse des Windes ausgesetzt. Aus den härteren Kalksteinen fräst der Wind spitze Zacken, was zu einzigartigen, spitzzackigen Felsgebilden führt.

Der Wind und der Sand sind heute die dominierenden Erosionskräfte, die diese Landschaft formen. Aber es scheint mir nicht vorstellbar, dass der Wind dieses Plateau in Hunderte von Zeugenberge zerlegen kann.

Eine Antwort könnte der Ausbruch der Vulkane des Al Harusch al Aswads sein, an deren Rand wir uns befinden.

Die Vulkane sind von unten durch das Kalksteinplateau, das man sich als relativ starre Platte vorstellen muss, durchgebrochen und haben es dabei angehoben. Durch das Anheben, verbunden mit Erdbeben, die zu einem Vulkanausbruch gehören, wurde die Platte zerbrochen. Es entstanden Spalten und vielleicht sogar Schluchten. Wasser in Form von Bächen oder Flüssen räumte anschließend das zerbrochene Material wahrscheinlich nach Westen hinaus, wo es die Sandebene bildete.

Zurück blieb eine zergliederte Landschaft durchzogen von Schluchten. Mit der Zeit weiteten sich diese Schluchten durch die Erosion immer mehr auf, so dass wir heute sehr viele einzelne Felstürme sehen und erahnen können, dass es sich früher einmal um ein Plateau handelte.

Als Geologe muss ich zugeben, dass die obige Erläuterung über die Entstehung dieser Landschaft nur eine Vermutung ist und durch keinerlei tiefgehende Untersuchungen gestützt ist. Es könnte so gewesen sein, aber es sind sicherlich noch viele andere Szenarien denkbar. Der geneigte Leser mag sich darüber am Nachtlager, nach einer ausgiebigen Erkundungstour durch diese grandiose Landschaft, selber Gedanken machen.

Jörgen kletterte auch auf einen Gipfel dieser Zeugenberge und hat so seine eigene Theorie. Er geht davon aus, dass das ganze Gebiet ein Urmeer war. Durch einen Vulkanausbruch, Erdverschiebungen o.ä. floss das Wasser mit großer Gewalt in tiefer gelegene Regionen ab und schwemmte alles aus. Dadurch sind die Zerklüftungen entstanden. Na ja, so macht sich halt jeder Gedanken über die Entstehung dieses beeindruckenden Szenarios. Nach der Erkundung fuhren wir zurück zu unserem Koordinatenpunkt und von dort aus ca. 3 Kilometer nach Westen Richtung 270°. Dort stießen wir auf eine Piste, der wir nach NNW folgten. Die Piste führte über eine "Durchfahrt". Ich weiß nicht, wie ich das sonst bezeichnen soll. Jedenfalls war links und rechts ein Streifen blaues Lavagestein. Von hier an wurde die Strecke zum Teil sehr sandig. Wir hatten zwar ab und zu Probleme, kamen aber noch ohne Luftablassen und Bleche durch. Links der Piste entdeckte ich ein pyramidenförmiges Gestell und wir hofften auf einen Brunnen. Aber es handelte sich nur um eine verlassene Erdölbohrung. Dann folgten wir den Spuren weiter in ein Tal hinein. In einem sandigen Wadi fuhren wir in nördlicher Richtung. Nach einigen Kilometern gelangten wir in ein anderes Tal. Wir hielten uns immer nördlich und nordwestlich. Sie war schon schön, diese Landschaft mit dem kleinen Abbruch, in dessen Wadi wir entlang fuhren. Um 15.00 Uhr waren es draußen 46,4°C und im MAN 41,8°C. Es wehte ein heißer Wind, aber im Auto war es gut auszuhalten. Dann folgte ein wunderschönes Tal, dessen "ehemaliger" Flusslauf von Akazien gesäumt wurde. Wir folgten dem Wadi. Die Piste war sehr gut sichtbar und gut zu befahren. Das Tal ist ein Plateaueinschnitt, den sich das Wasser ca. 10 Meter tief gegraben hat. Am Ende des Tales übernachteten wir auf dem Plateau bei einem Steinmännchen. Der Wind war kräftig. Er wehte ununterbrochen die ganze Nacht sehr stark. Dadurch hatten wir um 7.00 Uhr draußen 25°C und im MAN 27°C.

 

1999

Freitag, 30. Juli 1999

 

Der Wind war unverändert stark. Wir hoppelten auf einer Geröllpiste weiter. Die Gegend ist nicht uninteressant. Bizarre Berge und Felsen sowie viele alte Steinrondelle, die mal Camps waren. Wir vermuteten, dass diese beim Pistenbau entstanden sind. Zum Teil ist die Strecke sehr steinig und lässt sich auch nicht umfahren. Sandige Passagen gibt es nur wenige. Unser MAN läuft. Das ½ Franc-Stück dichtet zwar die Druckluft nicht ganz ab, aber wir können normal fahren. Nach einiger Zeit kam eine 2. frische Fahrspur hinzu (die 1. frische Spur stammte von dem italienischen Landy). Wir näherten uns Idri. Die Piste ist bis zuletzt gut markiert. Uns ist aufgefallen, dass wir auf der gesamten Strecke keine Tiere gesehen haben. In der Oase vor Idri sind wir erst einmal unseren Müll losgeworden. So abstoßend die Müllfelder vor den Orten auch wirken, sie sind die beste und einzige Möglichkeit, den Müll unterzubringen. Dann fuhren wir zur Tankstelle in Idri. Dort standen bereits 3 französische Geländefahrzeuge. Es gab kein Nafta (Diesel). Aber Wasser war zu haben. Es kam aus einem Schlauch und war somit ideal, um unseren Brauchwassertank aufzufüllen. Der Tankwart schenkte uns auch noch frische Datteln. Dann verwies er uns an eine 30 Kilometer entfernte Tankstelle. Wir machten uns auf den Weg und hatten dort wirklich Glück und bekamen Nafta. Unser nächstes Ziel war die Fahrt über die Dünen nach Ubari. Vor dieser Piste hatte ich ein sehr merkwürdiges Gefühl. Es war so etwas wie eine totale Abneigung. Das hatte ich Jörgen bereits mehrfach mitgeteilt, aber er hatte meine Bedenken inzwischen zerstreut. Nach der Aussage des Tankwartes sollte auch von diesem Ort aus eine Piste über die Dünen führen. Da wir jedoch keinerlei Beschreibung von hier aus haben, fuhren wir wieder zu einem beschriebenen Pistenbeginn zurück. Er liegt von Idri aus an der Teerstraße nach Brak, ca. 2 Kilometer vor einem kleinen Umspannwerk. Die Piste ist zu Beginn überhaupt nicht sandig. Sie führt zunächst kurvenreich über dunkles Gestein hinunter in ein Tal (ca. bei km 11). Dieses Tal muss durchquert werden. Teilweise ist es eine Sebkha, deshalb ist Vorsicht geboten. Es führen einige sichere Wege über die Ebene. Auf der südlichen Seite ging es dann einen Abhang hoch und wir befanden uns in einem Palmenanbaugebiet. Wir ließen die Luft auf 2 bar ab, da der Untergrund zunehmend sandiger wurde. Hier hielten wir uns rechts, bis wir an die ersten Minisicheldünen kamen. Leider war es wieder um die Mittagszeit und wir konnten im Sand überhaupt nichts erkennen. Deshalb war erst einmal eine längere Pause angesagt. Am späten Nachmittag brachen wir auf. Zunächst war alles recht einfach. Wir folgten zwei frischen Spuren über die Minidünen, die den MAN springen ließen. Es folgte eine flache Düne. Oben angekommen folgten wir kilometerweit einem Dünental. Eine kleine Dünenüberquerung verlief problemlos. Die Landschaft war sehr malerisch. Palmen und Tamarisken und dann wieder nichts als Sand. Die frischen Spuren führten direkt nach Süden. Hinter einem Palmenhain war die erste größere Düne zu überqueren. Aber auch die haben wir beim zweiten Anlauf bezwungen. Wir folgten weiterhin den Spuren und standen plötzlich vor einer Abfahrt, die den Leuten in der Gegenrichtung wohl arge Schwierigkeiten bereitet hatte. Es waren Spuren in alle Richtungen zu sehen und die Bemühungen, hier hinaufzukommen waren nicht zu übersehen. Bevor wir hier herunterfahren wollten wir probeweise doch noch den Koordinaten aus dem Ohin-Buch folgen, die etwas weiter nordöstlich verliefen. Ich war schon ziemlich kaputt von dem Abgehen der Dünen und diesmal erkundete Jörgen einen Dünenquerriegel. Aus meiner Sicht sah alles ganz eben aus. Da Jörgen mir auch noch ein Zeichen gab, fuhr ich los. Doch meine Sichtweise war Illusion, denn es handelte sich doch um eine Dünenüberquerung. Ich erschrak so, dass ich nur 2/3 der Düne schaffte. Dort war ich den Tränen nahe, denn Jörgen wusste genau, wie ich es hasse, den MAN über Dünen zu fahren. Ich wollte nie wieder fahren.

Nach dieser Überquerung fanden wir überhaupt keine Spuren mehr, nicht einmal ansatzweise. Also drehten wir wieder, um den frischeren Spuren nach Süden zu folgen. An der o.a. Düne, die nicht einmal sehr hoch war, hatte Jörgen plötzlich enorme Schwierigkeiten. Nach mehreren Anläufen fuhr er einen großen Bogen, um noch mehr Schwung zu haben. Da reagierte die Lenkung nicht mehr richtig. Jörgen vermutete Weichsand, fuhr weiter und schaffte die Düne. Ich hatte jedoch während der Anfahrt ein leicht schrägstehendes Vorderrad bemerkt und machte Jörgen darauf aufmerksam. Schlagartig wurde er sehr ernst. Die Spurstange war verbogen und die Räder standen leicht V-förmig nach außen. Vor allem das rechte Vorderrad ließ sich nicht mehr geradestellen. Jörgen war ziemlich ratlos. So etwas durfte bei einem Geländefahrzeug nicht passieren. Davon hatte er auch noch nicht gehört. Und der MAN hatte bei weitem noch nicht sein zulässiges Gesamtgewicht erreicht.

An ein Weiterfahren war natürlich nicht zu denken. Wir mussten die bekannte Strecke zurück zur Straße. Langsam und vorsichtig fuhren wir weiter. Der rechte Reifen durchpflügte den Sand. Eine kleinere Düne haben wir so geschafft. Vor der zweiten kleineren Düne hatten wir zu wenig Schwung. Jörgen fuhr vorsichtig einen größeren Bogen und saß plötzlich im Weichsand fest. Da halfen nur noch die Schaufeln und die Sandbleche. Aber auch diese Düne schafften wir. Dann standen wir vor der größeren Düne beim Palmenhain. Sie war von dieser Seite eigentlich nicht hoch. Probleme machte nur der steile Absatz, den wir nicht schafften. Jörgen holte wieder weit aus und saß natürlich wieder im Weichsand fest. Also wieder buddeln und alle 4! Sandbleche unterlegen. Und das bei noch fast 50°C in der untergehenden Sonne. Als der Wagen frei war, bat Jörgen mich, die Dünen abzugehen, damit wir vielleicht einen besseren Übergang finden, aber ich war völlig erschöpft. Nichts ging mehr. Es wurde dunkel. "Noch einen letzten Versuch, vielleicht klappt es ja." Jörgen war immer noch optimistisch und ich stieg ein. Der MAN fuhr mit dem Schwung an, der bei diesen Rädern eben möglich ist und hielt auf den Übergang zu. "So eine Scheiße, ich kann nicht mehr lenken!", das war das letzte, was ich hörte, bevor der MAN im Weichsand der Düne rechts neben dem Übergang landete. Diesmal saßen wir richtig schön fest, weil es auch noch bergab ging und der MAN mit der Schnauze in der Düne hing. Die Hinterräder hatten sich auch eingegraben. Jörgen wollte hier so übernachten. Auch er hatte keine Lust mehr zum Buddeln. Zudem war es dunkel. Ich hatte Bedenken, weil man das Fahrzeug von der anderen Seite nicht sehen konnte. Was ist, wenn doch jemand hier entlang fährt. Ziemlich frische Spuren waren ja da. Der kommt dann über den Dünenkamm gesaust und landet direkt auf dem MAN. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Jörgen ließ sich überzeugen und wir fingen erneut an zu buddeln und die Bleche unterzulegen. Nach einigen Versuchen bezweifelte ich, dass wir jemals wieder aus diesem Schlamassel herauskommen. Plötzlich bewegte sich der Wagen und Jörgen fuhr ca. 15 Meter rückwärts bevor er wieder anhielt. Wir standen zwar immer noch mitten auf der Piste, aber mit diesem Übernachtungsplatz war ich einverstanden. Als Absicherung setzte Jörgen ein Blinklicht auf das Dach. Jörgen wusste immer noch nicht, was er nun machen wollte. Es war eine mittlere Katastrophe. Weiterfahren konnten wir jetzt überhaupt nicht mehr, da die Stellung der Vorderräder die vollendete V-Form angenommen hatte. Der Wind war heftig und im MAN alles voller Sand. Das war uns jedoch im Moment völlig egal. Jörgen holte sich die Reparaturanleitungen für den MAN (immerhin mehrere Ordner) und suchte nach Anleitungen für die Spurstange. Er fand folgenden Satz: "Eingriffe bei der Spurstange sind nicht erlaubt!" Das war alles! Sehr ermutigend! Wir wussten im Moment eigentlich überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte. Deshalb beschlossen wir, so wenig Wasser wie möglich zu verbrauchen. Ansonsten haben wir an diesem Abend sehr wenig miteinander gesprochen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Ich grübelte nachts auf meinem sandigen Schlafsack darüber nach, wie lange wir wohl warten wollen, bis jemand vorbeikommt. Im Geiste sah ich mich schon die 40 Kilometer bis zur Teerstraße in der Nacht wandern. Ich überlegte, wieviel Wasser ich wohl mitnehmen müsste. Da ich auch ungeübt bin, wäre am Tag zu gehen, für mich unmöglich, denn soviel Wasser könnte ich niemals tragen. Da hatte ich so mein Erlebnis im Wadi Mathendous, wo ich bei einer (kleinen) Wanderung einen irrsinnigen Durst verspürte und völlig erschöpft war. Hier kam noch der Sand dazu. So habe ich sehr schlecht geschlafen, hatte Krämpfe, nur noch diese Gedanken im Kopf und immer wieder Sand im Mund. Jörgen ging es genauso. Er fühlte sich 20 Jahre älter.