Island im Winter

Island
im März? Ich bin skeptisch, als Jörgen mir den Vorschlag macht. Ich mag Wärme
und Hitze, bin aber absolut kein Winterfan. Und dann noch so hoch im Norden. Da
kann das doch nur kalt und dunkel sein. Aber mein Resturlaub musste genommen
werden und ein ausgesprochen günstiger Winter-Tarif der Smyril-Line hat mich überzeugt.
Dann sehen wir uns Island eben mal an. Jörgen macht den MAN so winterfest wie möglich
und am 4. März 2006 schiffen wir in Hanstholm/Dänemark ein. Auch die direkte
Verbindung nach Island mit einer nur 11-stündigen Unterbrechung auf den Färöer-Inseln
macht den Reiz dieser Winter-Reise aus. Wir haben das große Los gezogen und für
die Hin- und Rückreise die Suite auf der Norröna bekommen, die es nur ein
einziges Mal auf dem Schiff gibt. Sie ist eine kleine Wohnung mit Wohn-,
Schlaf-, Abstell-/Ankleideraum sowie einem großen Bad mit Whirlpool. Es ist
zwar mal ganz schön, darin zu wohnen, aber zum Normalpreis hätten wir die Norröna-Suite
niemals gebucht. Nach einer relativ ruhigen Überfahrt mit Zwischenstopp in
Bergen kommen wir bei schönem Sonnenschein in Tórshavn auf den Färöer-Inseln
an. Hier haben wir ausreichend Zeit, mit einem Shore-Pass das Schiff zu
verlassen und die Hauptstadt der Färöer zu erkunden. Die Altstadt mit den
geteerten Häuschen und den Gras-Dächern, den Aussichtspunkt und die Festung
mit dem Leuchtturm – nichts ist vor uns sicher. Aufgefallen ist, dass trotz
reichlich Schnee selten gestreut oder geräumt ist. Die Autos fahren sowieso mit
Schneeketten oder Spikes.
Fast
pünktlich laufen wir am nächsten Morgen in Seyðisfjörður ein.
Beim Zoll bekommen wir eine Plakette, die wir in die Windschutzscheibe kleben müssen.
Noch ein Formular ausfüllen – die Durchschrift behalten wir, das war’s.
Ohne weitere Kontrolle fahren wir aus dem Hafen heraus. Nach Egilsstaðir,
die einzige Ausfahrt aus Seyðisfjörður, geht es über einen 620 m hohen Pass. In der Nacht ist
Neuschnee gefallen und uns begegnen mehrere Räumfahrzeuge bei der Arbeit. Der
Blick vom Pass auf Egilsstaðir
zeigt uns Eisland –oh pardon- Island wie ich es erwartet habe. Weiß, weiß,
weiß. Und hier soll es was zu sehen geben? Sieht doch aus wie in der Antarktis
oder in der Wüste, nur eben Schnee statt Sand. Aber die Temperatur ist wider
Erwarten maßvoll. Es weht lediglich ein kalter Wind. Im Reiseführer habe ich
mir den größten Wasserfall Europas, den Dettifoss als Ziel ausgesucht. Aber
die Straße ist „Closed“. Das fängt ja gut an. Na dann eben weiter nach
Krafla, einem der berüchtigsten, noch tätigen Vulkane Islands. Als wir unter
der Rohrleitung hindurchfahren, die zu einem großen geothermalen Kraftwerk gehört,
liegt schon starker Schwefelgeruch in der Luft. Dieser Geruch nach faulen Eiern
soll uns noch häufiger begegnen. Der Parkplatz am Kraterrand ist kaum
auszumachen. Es stürmt und schneit. Der Schnee fegt mit einer unglaublichen
Geschwindigkeit über die Piste. Es haben sich schon Schneeverwehungen gebildet.
Warm eingepackt machen wir uns auf den Weg um einen Blick auf den Kratersee zu
erhaschen. Es ist sehr glatt und ich komme bei dem Sturmwind kaum bergan. Plötzlich
fliegt etwas an mir vorbei. Jörgen flitzt hinterher. Jeden Augenblick kann er
bei der Glätte stürzen und fallen. Nicht auszudenken, gleich zu Beginn der
Reise. In der Ferne sehe ich sie dann treiben, Jörgens Kapuze (die nur mit
Druckknöpfen an der Jacke befestigt war), bis sie nicht mehr auszumachen ist.
Auch Jörgen gibt auf. Wir wissen nicht, was unter dem vielen Schnee ist, eine
Suche wäre viel zu gefährlich. Also kämpfen wir uns noch einmal gegen den
Wind zum Kraterrand hoch. Aber es ist bei dem Schneetreiben nicht viel zu sehen.
Ich habe Probleme, dem Sturm standzuhalten und gehe sicherheitshalber nach
kurzer Zeit wieder hinab zum MAN. Auch Jörgen folgt nach kurzer Zeit. Der Sturm
lässt auch nicht mal kurzzeitig nach. Gegenüber der Einfahrt zum Krafla
befindet sich an der Ringstraße das Solfatarengebiet Námaskarð.
Auch hier empfängt uns der Parkplatz mit einem Geruch von Schwefel. Nach einer
kurzen, oberflächlichen Inspektion des blubbernden und zischenden Gebietes
meint Jörgen, dass hier wohl Gummistiefel das richtige Schuhwerk sind. Nur
widerwillig stimme ich zu, denn darin bekomme ich immer kalte Füße. Das Gebiet
ist frei zugänglich, aber die nicht sicheren Bereiche sind abgesperrt. Es
blubbert aus graublauen Schlammpötten, brodelt aus Wasserquellen und zischt gefährlich
aus dampfspeienden Hügeln. Dazu diese Farbenvielfalt, die sich von weiß
(Silikate) über gelb und orange (Schwefel) bis hin zu rostrot zeigt
(Eisendioxide). So gefällst du mir schon besser, Island! Die Gummistiefel sind
goldrichtig. Dicke Lehmschichten kleben unter und an den Sohlen. Im Schnee sind
selbst die „Gummels“ abschließend kaum noch zu reinigen. Wir beschließen,
trotz des zeitweisen Geruches (es kommt auf die Windrichtung an) hier auf dem
Parkplatz unsere erste Nacht in Island zu verbringen. Die Fahrzeuge, die uns auf
der Ringstraße, der „1“ begegnet waren, konnten wir an einer Hand abzählen.
Die Vermutung nach einer sehr ruhigen Nacht bestätigt sich.
Überall
in dieser Gegend dampft es. In den meisten Fällen wird die Wärme gewerblich
genutzt. Eine kurze Pistenfahrt bringt uns zur Höhle Grjótagjá. Durch mehrere
Zugänge kann man das unterschiedlich warme bis heiße Wasser erreichen. Fast
schon ein bisschen Feeling von Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“
kommt hier auf, wenn beim Hinabsteigen in die Höhlen die Brillengläser und die
Objektive der Kameras durch das dampfende Wasser sofort beschlagen. Wiederum
nicht weit entfernt erreichen wir Dimmuborgir, die dunklen Burgen. Zu bizarren
Formen erstarrte Lava hat hier eine Landschaft geschaffen, die mit ihren Brücken,
Höhlen, Türmen und Tunnel tatsächlich etwas Sagenhaftes an sich hat. Trolle
sollen in dieser Lavastadt leben. Die Isländer haben sich ihre Sagenwelt und
Mythen bis heute erhalten. Trolle und Elfen sind allgegenwärtig. Fast um alle
Sehenswürdigkeiten Islands ranken sich Legenden. Wieder am MAN angekommen,
vermisst Jörgen seine Abdeckkappe vom Fotoobjektiv. Wahrscheinlich hat er sie
in Dimmuborgir verloren und macht sich zur Suche auf einen zweiten Rundgang.
Aber diese verläuft ergebnislos. Vermutlich hat ein Troll gerade diese
Abdeckkappe gebrauchen können. Diesem Troll wiederum war eine Elfe nicht gut
gesonnen und hat die Abdeckkappe dann im Fußbereich auf der Fahrerseite des MAN
versteckt, wo Jörgen sie dann wiedergefunden hat. Wir umfahren den teilweise
zugefrorenen Mývatn, den viertgrößten See Islands. Zu dieser Jahreszeit haben
wir keinerlei Probleme mit den Zuckmücken und
Kriebelmücken, denen dieser See seinen Namen verdankt. Wir erreichen den Goðafoss,
den Götterfall, der mitten in Eis und Schnee tosend in die Tiefe stürzt. Hier
soll ein Gesetzessprecher im Jahr 1000, als das Christentum zur Staatsreligion
wurde, alle heidnischen Götzenbilder hineingeworfen haben. Aber auch ohne diese
Legende ist der Wasserfall beeindruckend. Durch einen Insidertipp von Freunden
haben wir von einem Hotpot, einer warmen Badequelle direkt am Meer erfahren, die
wir an diesem Tag noch erreichen wollen. Als ich jedoch während der Fahrt in
unseren Wohnaufbau blicke, oh Schreck, da ist der Fußboden mit Wasser überschwemmt.
Der Brauchwassertank ist leer. Wir schöpfen das Wasser aus, den Rest erledigen
die Entwässerungsventile, die Jörgen für solche Fälle vorsorglich im Boden
eingelassen hat. Wie Jörgen später feststellt, hat sich eine Schelle von einem
Schlauch gelöst und die elektrische Pumpe das ganze Brauchwasser ins
Fahrzeuginnere gepumpt. Für uns ist das ein weiterer Hinweis darauf, dass die
Pumpen während der Fahrt am besten deaktiviert sind. In Sauðárkrókur
entdecken wir im Hafen Stockfische, die auf Holzgestellen zum Trocknen aufgehängt
werden. Die Köpfe und Rümpfe der Fische werden gesondert getrocknet. Kurz vor
Sonnenuntergang erreichen wir schließlich doch noch den Hotpot, der tatsächlich
unmittelbar neben dem Meer liegt.
Am
nächsten Morgen, bei wunderschönem windstillem Wetter aber nur 3°C gehen wir
baden. Das Wasser hat 41°C und ist an einigen Stellen, wo die Quelle zufließt
noch heißer. Lange hält man das nicht aus. Der ganze Körper erwärmt sich.
Kaum haben wir das Bad beendet setzt wie auf Kommando ein ziemlich starker Wind
ein, der uns den Abschied von diesem schönen Ort ein wenig erleichtert. Auf der
Halbinsel Vatnsnes beginnen wir unsere Rundreise auf der Straße 717, die
unserem Off-Road-Feeling schon ein wenig mehr entspricht. An dieser Straße
liegt das „Burgdorf“ Borgarviki, ein Aussichtspunkt und Basaltgebilde mit
10-15 Meter hohen Basaltsäulen. Anscheinend wurde dieses Naturgebilde von
Menschen zu einer Art Festung ausgebaut, denn einen alten Brunnen (jetzt verschüttet)
gibt es auch. Weiteres Ziel auf dieser Strecke ist der Vogelfelsen Hvítserkur,
ein markanter Basaltfelsen im Meer. Irgendwie hat er Ähnlichkeit mit einem
Dinosaurier oder einem Nashorn. Leider können wir keine Vögel entdecken. Sind
die nur im Sommer hier? Am nördlichsten Punkt von Vatnsnes liegt Hindisvik.
Auch dieser Ort ist als Sehenswürdigkeit ausgeschildert. Wir übersteigen den
Zaun auf einer Art Leiter und gehen gespannt Richtung Meer. Gibt es hier
wirklich Robben? Wir marschieren bei kräftigem Wind um einen kleinen Felsen
herum. Und da sehen wir sie, so an die 20 Robben. Leider sehen die uns auch und
tauchen bis auf eine sofort in das kalte Meer ab. Schade! Aber sie bleiben in
der Nähe und beobachten uns neugierig. Jörgen stöbert Hunderte von kleinen Vögeln
auf, die in den Algen am Strand nach Futter suchen. Auch diese sind sehr
neugierig und kommen immer näher. Wir sind ganz still und bewegen uns nicht.
Aber so sehr wir uns auch bemühen, die Robben bleiben im Wasser. Schließlich
geben wir auf. Es bläst ein zu kalter Wind. Nur durch Zufall entdecken wir auf
der Westseite von Vatnsnes den Schafspferch Hamarsrétt, der zwischen Meer und
Felsen „eingeklemmt“ und von der Straße so gut wie gar nicht zu sehen ist.
An
der Einmündung der Straße 72 in die Ringstraße stehen auf einem Parkplatz
zwei kleine Figuren, die Jörgen sich unbedingt ansehen will. Er biegt also
links in die Ringstraße ein und gleich wieder links auf den Parkplatz. Jörgen
steigt aus, während ich mir unsere nächste Route ansehe. Als ich kurz aufsehe,
steht er mitten auf der Ringstraße, in der einen Hand einen Gummistiefel und in
der anderen eine Cola-Flasche. Er bedeutet mir, dass ich das fotografieren soll.
Warum soll ich einen alten Stiefel fotografieren? Obwohl ich das nicht so ganz
verstehe steige ich aus. Und da entdecke ich, dass unsere hintere Seitenklappe
weit offen steht. Wir haben also diese Gegenstände verloren. Welch ein Zufall,
dass Jörgen sich in den Kopf gesetzt hatte, unbedingt diese Figuren anzusehen.
Auf einer landschaftlich reizvollen Strecke fahren wir auf der „59“ über
ein Hochplateau zur Halbinsel Snæfellsnes.
Am Breiðafjörður
führt uns die Straße an unzähligen kleinen Inseln und Felsen vorbei und durch
das 4000 Jahre alte Lavafeld Berserkjahraun. Natürlich gibt es auch hier wieder
eine Legende. Ein Bauer, der für den Bau dieses Weges Wikinger aus Norwegen,
sogenannte Berserker anheuerte, versprach ihnen als Lohn Frauen des Dorfes. Die
unverheirateten Frauen jedoch lockten die Berserker in eine Scheune und zündeten
diese an. Die Seelen der Berserker sollen immer noch über das Lavafeld
geistern. Durch dieses Lavafeld gelangt man nach Bjarnarhöfn, wo eine der ältesten
Kirchen Islands steht. Leider hat diese nur im Sommer geöffnet. Hinter Ólafsvík
gelangen wir an den Vogelfelsen Keflavíkurbjarg. Vielleicht haben wir ja hier
mehr Glück und sehen mal ein paar Vögel. Obwohl wir kein schlechtes Wetter
haben, ist der kalte Wind nicht zu unterschätzen. Also ziehen wir uns warm an,
setzen unsere Mützen auf und wandern zur Steilwandküste. Dort sehen wir
endlich viele Dreizehenmöwen und Kormorane, die dort nisten. Kurz hinter dem
verschlafenen Ort Hellissandur beginnt der Nationalpark rund um den 1446 m hohen
Snæfellsjökull. Dieser
erloschene Vulkan mit seiner Gletschermütze bildet in Jules Vernes Roman den
Einstieg zum Mittelpunkt der Erde. Tja, bei seinem Anblick kann man schon auf
solche Ideen kommen. Im Nordwesten des Nationalparks durchfahren wir ein
Lavafeld. Unterwegs ist ein Seemannsgrab ausgeschildert, das am Strand gefunden
wurde. Beeindruckend ist vor allem der gelbe Sand, der sich leuchtend von den
schwarzen Felsen abhebt. Wir fahren weiter zu zwei Leuchtfeuern, an den Steilhängen
entdecken wir viele Vogelkolonien.
Über
Nacht schneit es. Schade, denn der Snæfellsjökull
versteckt sich nun in einer dicken Nebelwand. Dunkel heben sich die Felsen von Lóndrangar
vom Schnee ab. Man vermutet, dass es sich um Vulkanschlote handelt. In
Arnarstapi, einem kleinen Fischerdorf an der Südküste, gibt es wiederum viele
Vogelfelsen. Auf einem Hügel thront ein Steinriese. Barður,
der erste Bewohner der Halbinsel soll ein Halbriese gewesen sein, um den sich
wiederum eine Legende rankt. An der Südküste Snæfellsnes
erreichen wir die Abzweigung zur größten Mineralquelle Islands, der Raudamelsölkelda.
Wir biegen auf eine schneebedeckte Piste ab, auf der Treckerspuren zu sehen
sind. Diese enden jedoch an einem Vorratsstapel Heu, der für die Islandpferde
bevorratet wird. Wir folgen einer schneebedeckten, unmarkierten Piste, auf der
schon lange niemand mehr gefahren ist. Diese endet an einem verschlossenen Tor.
Ein Hinweisschild zeigt uns die wage Richtung zur Mineralquelle an. Der Fußpfad,
der uns durch ein Lavafeld zu einem teilweise überfrorenen Fluss bringt, ist
einigermaßen gut zu erkennen. Vor uns rauscht ein Wasserfall in die Tiefe. Da
die Eisschichten des Flusses auch gut mit Schnee bedeckt sind, sind die Ufer
nicht zu erkennen. Trotzdem müssen wir diesen durchqueren, um zur Mineralquelle
zu gelangen. Leider haben wir auf unserem Ausflug keine Gummistiefel dabei. Auf
der anderen Seite des Flusses entdecke ich einen orangefarbenen Pfahl, der wohl
die Quelle markiert. Jörgen geht ein Stückchen am Fluss entlang und ruft mir
zu, dass er Spuren entdeckt hat. Ungläubig gehe ich zu ihm hin. Tierspuren!
Soll das ein Witz sein? Dennoch springt Jörgen von einer Eisscholle auf die
andere Seite, wiederum eine Eisscholle. Ich will erst nicht, springe dann aber
auch. In der Mitte bekam die Scholle dadurch einen Senkriss. Ob die für den Rückweg
hält? Wir erreichen den orangefarbenen Pfahl, der sich als Pfahl mit einer
orangefarbenen Flagge entpuppt. Weit und breit ist nichts zu sehen außer
Schnee. Aber wir hören ein Blubbern, also muss irgendwo die Quelle sein. Jörgen
nimmt einen großen Stein und schlägt damit auf eine dicke Eisdecke ein.
Krachend zerbricht diese und legt die Mineralquelle frei. Jörgen befüllt den
mitgebrachten 5l-Wasserkanister mit
dem Wasser, dem Heilkräfte nachgesagt werden. Zurück am Fluss, soll ich zuerst
springen. Mir ist ganz mulmig und die Scholle knackt beim Absprung heftig – hält
aber noch. Anschließend schiebt mir Jörgen den 5l-Kanister mit dem
Mineralwasser herüber. Schließlich springt Jörgen ab, die Scholle zerbirst
krachend beim Absprung, doch er landet gerade noch trockenen Fußes auf der
anderen Seite. Auch hier knackt das Eis wieder gefährlich, hält aber. Ist ja
gerade noch mal gutgegangen. Am liebsten würden wir noch ein Weilchen hier oben
in der Ruhe verbringen, aber in den insgesamt 16 Tagen Island wollen wir auch möglichst
viel sehen. Wir verlassen die Küste und fahren ins Landesinnere nach Husafell.
Auch hier dampft es überall aus Erdspalten. Meist wird die Energie für Gewächshäuser
benutzt. Kurz vor Husafell kommen wir an den Hraunfossar, den Lavawasserfällen
vorbei. Auf rund 1 Kilometer Breite sprudeln aus einem Lavafeld viele kleine
Wasserfälle heraus und ergießen sich in den Fluss Hvítá. Ein faszinierendes
Spektakel. Nur wenig entfernt davon rauscht der Barnafoss, auch Kinderwasserfall
genannt. Hier sollen an einem früheren Weihnachten
zwei Kinder ertrunken sein, als die Eltern auf der Weihnachtsmesse waren. Zwar
ist es schon ziemlich spät, aber wir wollen noch zur Lavahöhle Surtshellir.
Also biegen wir auf die Piste F578 ab. Nach dem letzten Schneefall waren schon
mindestens 2 Geländefahrzeuge vor uns diese Strecke gefahren. Das ist auch gut
so, denn die unmarkierte Piste ist in dem Schnee einfach nicht zu erkennen. Wir
können uns so auch keinen Reim über urplötzliche Änderungen der Streckenführung
machen. Auch die Spuren sind ab und zu nur im letzten Moment zu erkennen. Urplötzlich
sind die Spuren zu Ende. Haben die etwa aufgegeben? Aber da - Fußspuren, die zu
einer leichten Erhebung im Schnee führen. Ja, da sind sie, die Lavahöhlen
Surtshellir und Stefanshellir. Die eine soll 1,9 Kilometer und die andere 1,6
Kilometer lang und 5-10 Meter hoch sein. Wir klettern in die eine Höhle, was
bei Eis und Schnee gar nicht so einfach ist. Es ist sehr glatt. Wir gehen auch
nur ein kleines Stück in die Höhle hinein, denn Jörgen steht plötzlich auf
einer Eisscholle, die einen kleinen unterirdischen See vermuten lässt. Für
diese Höhle brauchen wir mehr Licht als unsere Stirnleuchten und die beiden
Taschenlampen hergeben. Zudem wollen wir vor der Dunkelheit wieder zurück sein,
denn es sieht nach Schnee aus. So schön, wie der Stellplatz hier wäre, wenn es
schneit finden wir den Weg nicht so leicht. Auf dem Rückweg ist es schon
merklich glatter und steht noch eine vereiste Rampe (Auffahrt) bevor, die an
einer Seite steil abfällt. Der MAN rutscht auch so schon in Kurven ab und zu
seitlich ab. Da ist sie, die Rampe – hm, geht ziemlich steil nach oben. Jörgen
gibt Gas, der MAN rutscht verdächtig zur Seite. In solchen Situationen wird mir
immer ein wenig mulmig und ich atme auf, als wir endlich oben angekommen sind.
Damit haben wir den ca. 7 Kilometer langen Rückweg doch noch gut hinter uns
gebracht und übernachten lieber in der Nähe der Straße.
Es
hat doch nicht geschneit und so machen wir uns bei schönem Wetter auf die
„550“. Diese Piste, auch Kaldadalsvegur genannt, soll uns auf dem kürzesten
Weg von Husafell nach Þingvellir
im Süden bringen. Die Strecke ist 40 Kilometer lang, nicht gesperrt und laut
Ausschilderung für Allradfahrzeuge bedingt befahrbar. Die Piste ist nicht
markiert, aber zu Anfang wunderbar zu befahren. Nach einigen Kilometern wird sie
zunehmend eisiger. Nach ca. 11 Kilometern erreichen wir einen Abzweig nach links
zum Gletscher. Zu unserem Erstaunen führen dort alle Spuren hin. Wir wollen
aber weiter geradeaus. Keine einzige Spur ist zu erkennen. Die erste tiefe
Schneewehe meistern wir mit viel Schwung. Ein kleines Stück spüren wir die
Piste unter unseren Reifen. Die nächste Schneewehe folgt ein paar Meter weiter.
Na, wollen wir es mal wieder mit viel Schwung versuchen. Urplötzlich stecken
wir fest, in ca. 80 cm hohem Schnee. Nichts geht mehr. Hier müssen wir uns
durchgraben. Da wir aber nicht wissen, was uns auf den restlichen 30 Kilometern
ohne Pistenmarkierung noch erwartet, wie viel Zeit wir dafür brauchen und wir
zudem ohne Begleitfahrzeug unterwegs sind, beschließen wir nach ca. 800 m
umzukehren. Es weht kaum Wind. Der MAN wühlt sich durch den Schnee zurück auf
ein sicheres Stückchen Erde. Es ist Zeit für eine kleine Pause in einer geschützten
Seitennische eines Felsens. Da beobachten wir durch unser Steiner-Fernglas zwei
Fahrzeuge, die den links abbiegenden Spuren folgen. Einer hat ein Snowmobil
geladen und einen Anhänger dran. Das zweite Fahrzeug ist ein Allradbus. Unsere
Neugierde ist geweckt und wir wollen wissen, was dort oben los ist. Auf der
Piste nimmt der Wind zunehmend sturmartige Züge an. Zunächst fegt der Schnee
noch flach über die Piste, aber die Spuren der vorherigen Fahrzeuge sind schon
nicht mehr auszumachen. Oben angekommen bläst ein kalter Wind und wirbelt den
Schnee auf. Jörgen parkt den MAN einigermaßen sicher und klettert ein Stück
den Gletscher hinauf. Mir ist das einfach viel zu stürmisch draußen. Im MAN
ist es viel gemütlicher. Kurz nach uns kommen zwei Toyota mit Ballonreifen am
Gletscherrand an. Sie versuchen sofort, den Gletscher hinaufzufahren und bleiben
prompt stecken. Nach dem Luftablassen benötigen sie trotz ihrer
Ballonspikesreifen ca. fünf Versuche pro Fahrzeug, bis sie oben waren. Ich
beobachte alles aus sicherer Entfernung. Das Allradfahrzeug mit dem Anhänger,
das wir beobachtet haben, ist von der Bergrettung. In der Nähe des MAN sind
einige Snowmobile geparkt. Anscheinend erwartet man am heutigen Sonntag noch
Touristen. Endlich kommt Jörgen von seinem Ausflug zurück – mit einer
gefundenen Wasserrohrzange. Es ist mir schleierhaft, wie man bei diesen
Schneeverwehungen überhaupt etwas finden kann. Wie vermutet, kommen uns auf der
Rückfahrt mehrere Fahrzeuge entgegen, alle mit Touristen besetzt.
Für
den zweiten Versuch, zum ältesten Nationalpark Islands, Þingvellir,
zu gelangen, haben wir uns die Straße 52 ausgesucht. Aber es ist wie verhext.
Bereits zu Beginn der Straße zeigt uns ein Schild an, dass die Straße nach 25
Kilometern gesperrt ist. Wir drehen und fahren weiter auf der „50“. „Hey,
das Wasser da ist auf der falschen Seite“, ich bin irritiert. Laut Karte und
auch Beschilderung müssen wir auf der 50 sein. Wir drehen und fahren die nächste
Abzweigung ab. Ach ne, da ist doch die in der Karte von 2005 ausgezeichnete
„50“ mal einfach in „520“ geändert worden. Auf einer guten Piste
erreichen wir einen Fjordeinschnitt, der bis zum Bau eines mautpflichtigen
Tunnels Ringstraße war. Die jetzige „47“ ist landschaftlich ausgesprochen
reizvoll und kaum befahren. Nach Þingvellir
biegen wir auf die „48“ ab, eine ausgesprochen gute Straße, ein breites Tal
und so gut wie kein Schnee. Mitten auf der Straße liegt ein großer Hammer. Na,
wenn das so weitergeht, haben wir bald unseren 2. Werkzeugsatz an Bord. Nach ein
paar Kilometern liegt Schnee auf der Straße, noch ein paar Kilometer weiter ist
alles weiß, wohin man auch sieht. Lediglich die gelben Markierungsstangen ragen
aus dem Schnee heraus und zeigen uns wo es lang geht. Da aber schon 2 bis 3
Fahrzeuge gefahren sind, ist die Schneetiefe gut zu erkennen, was uns sehr
weiter hilft. Spannend ist diese Fahrt durch die weiße Welt trotzdem. Schließlich
bringt uns die geräumte „36“ schnell nach Þingvellir, die bedeutendste historische Stätte Islands am
Nordufer des größten Sees Islands. Hier wurde 930 das Alþing gegründet, eine gesetzgebende Versammlung aller freien und
volljährigen Männer. Die Teilnahme war verpflichtend. Man konnte sich aber
auch vertreten lassen. Wichtige Gesetze wurden hier erlassen und
Rechtsstreitigkeiten geschlichtet. Þingvellir
war ein idealer Versammlungsort, insbesondere bildete die Felswand der Almannagjá-Schlucht
(Allmännerschlucht) einen natürlichen Hintergrund und eine gute Akustik für
die Redner. Der Lögberg diente als Plattform, von der aus der Gesetzessprecher
alle Gesetze der Nation verlas. Heute tagt das isländische Parlament in Reykjavík.
Die Senke von Þingvellir gehört
zu einem der größten Grabensysteme. Hier driften die nordamerikanische und die
eurasische Kontinentalplatte langsam auseinander, was sich in tiefen Rissen in
der Almannagjá zeigt. Bei einem Gang durch die Schlucht setzt sich Jörgen von
mir ab und wandert, einigen Fußspuren folgend, in eine Schlucht. Ich erklimme
inzwischen den Lögberg und genieße bei diesem herrlichen Sonnentag die
einmalige Aussicht in die Þingvellir-Senke.
Jörgen wandert weiter in dieser Schlucht. Nach einiger Zeit verlieren sich die
Fußspuren. Aber umdrehen will er nun auch nicht mehr. Er erklettert eine
Felswand und registriert frustriert, dass nur eine weitere Schlucht mit einer
erneuten Felswand folgt. Jörgen klettert wieder hinab und wandert weiter in der
bisherigen Schlucht. Nach ca. einer halben Stunde werde ich unruhig. Von oben
kann ich erkennen, dass die Schlucht ohne Ausgang immer weiter nach Südwesten führt.
Irgendwie hatte ich gehofft, dass er umdreht. Nach langer Zeit höre ich einen
Pfiff von unten. Unten auf der Straße steht er und schwenkt seine Mütze.
Schließlich hat er auch gemerkt, dass es keinen Ausgang gibt und ist eine
andere Felswand hochgeklettert, die ihn in die Senke führte. Er ist völlig
durchgeschwitzt, als ich ihn an der Kirche mit den vier Holzhäusern treffe. Der
kürzeste Weg zu unserem nächsten Ziel, dem Geysir, führt über die Straße
„365“ von West nach Ost. Am Abzweig erkennen wir keine Einschränkungen für
die Befahrbarkeit der Strecke. Aber bereits nach ein paar Kilometern wird der
Schnee höher und die Piste ausgesprochen schlaglochreich. Wir fahren über eine
Kuppe und bleiben abrupt stehen. Ca. 500 m vor uns steckt ein Pkw in einer
tiefen Schneewehe. Davor ein Geländewagen. Die Insassen stehen hilflos vor dem
Wagen. Langsam fahren wir hin. Während Jörgen unser Abschleppseil auspackt
suchen die anderen die Vorrichtung, an der der Abschlepphaken hinten an dem
Mietwagen angebracht werden kann. Hinter einer Klappe ist sie versteckt. Der MAN
schleift den Pkw ca. 500 m rücklings über den Schnee, bis er auf einigermaßen
sicherem Terrain steht. Der Österreicher, der eigentlich gewohnt ist im Schnee
fahren, ist froh und will nun doch lieber auf das Befahren von 3-stelligen
„Straßen“ verzichten. Wir treffen ihn und seine Frau später am Gullfoss
wieder. Sein Fahrzeug hat durch die Aktion keinen Schaden genommen. Der tiefe
Schnee und die Schlaglöcher begleiten uns noch ein paar Kilometer, dann haben
wir die Schneeverwehungen überwunden. Nur die Schlaglöcher bleiben uns bis zum
Erreichen der asphaltierten Straße erhalten. Den Namen Geysir gibt es seit
1647, als ein Bischof ihn für heiße Springquellen verwendete. Der große
Geysir war Ende des 19. Jahrhunderts bereits versiegt, als ihn ein Erdbeben im
Jahr 2000 wieder aktivierte. Heute sprudelt er unregelmäßig ein paar Mal am
Tag. Aber er hat einen kleineren Bruder, den Strokkur, das Butterfass, der
regelmäßig alle paar Minuten seine bis zu 25 m hohe Fontäne in die Luft jagt.
In dem ganzen Gebiet gibt es heiße Quellen. Es zischt und dampft, das Wasser in
einigen Pötten ist ausgesprochen heiß, Warnschilder weisen darauf hin. Und überall
liegt der Schwefelgeruch in der Luft. Während wir auf einen Ausbruch des
Strokkur warten, zischt auf einmal der große Geysir einen dicken Wasserstrahl
in die Höhe. Nicht ganz so hoch, aber immerhin. Obwohl wir ein fantastisches
Wetter haben, ist es sehr kalt. Die Wassersäulen enden deshalb immer sehr
schnell in Dampffontänen. Nicht weit von den Geysiren stürzt sich ein mächtiger
Wasserfall, der Gullfoss über zwei Kaskaden in die Tiefe. Insgesamt 32 m fallen
riesige Wassermassen in die Hvítá. In den 20iger-Jahren des 20.Jahrhunderts
sollte hier von ausländischen Unternehmen ein großes Wasserkraftwerk gebaut
werden. Aber die Tochter des Bauern zu dessen Land der Wasserfall gehörte, kämpfte,
auch unter Androhung sich in die Fluten des Wasserfalls zu stürzen, gegen den
Verkauf von isländischem Boden. Es hat gewirkt, denn seit 1979 steht dieses
beeindruckende Naturerlebnis unter Naturschutz. Wir genießen es, den Sprühnebel
des „Goldenen Wasserfalls“ ins Gesicht zu bekommen. Ein Fußpfad führt nahe
an das Wasser heran. Plötzlich erscheinen immer wieder Regenbögen, die dieses
Naturschauspiel noch unwirklicher erscheinen lassen. Wir lassen den Gullfoss
auch noch vom oberen Parkplatz auf uns wirken, von wo aus wir einen guten Gesamtüberblick
haben. Etwas später sehen wir erstaunt in rund 10 km Luftlinie entfernt eine
riesige Wasserfontäne, die nur der große Geysir ausgestoßen haben konnte.
Reykjavík,
die Hauptstadt Islands können wir natürlich auf unserer ersten Islandreise
nicht ignorieren. Es gibt nicht viele kostenfreie Parkplätze in Reykjavík. Die
ersten, die wir ansteuern, sind hoffnungslos überfüllt. Schließlich finden
wir doch noch einen Platz beim alten Zentrum. Das neue Rathaus Reykjavíks ist
unter den Isländern umstritten, da es teilweise in den vogelreichen Tjörnin-See
hineingebaut wurde. Der Krach der Singschwäne ist schon von weitem zu hören.
Aber dem ersten Eindruck nach tummeln sich wirklich viele verschiedene
Wasservogelarten auf dem Stadtsee. Im Rathaus ist eine sehenswerte riesige
Reliefkarte Islands ausgestellt, die wunderbar die geologische Struktur zeigt.
Ich finde es ausgesprochen interessant, unsere bisherige Reise auf dieser Karte
nachzuvollziehen. Gleich in der Nähe ist das Alþingi-Haus,
in dem seit 1881 das Parlament tagt. Auch die älteste Kirche der Stadt, die
Lutherische Domkirche aus dem Jahr 1796 ist nicht weit entfernt. Das angeblich
älteste erhaltene Haus von Reykjavík in der Aðalstræti
10 wird gerade von Grund auf renoviert. Trotzdem haben wir den Eindruck, dass
das Gesamt-Stadtbild der Altstadt nicht gerade schön ist, da häufig moderne
Gebäude einfach „hineingesetzt“ wirken. Einen Eindruck über die Preise von
isländischen Wollwaren, Fellen und weiteren Handarbeiten holen wir uns in den
Souvenirgeschäften der Hafnarstræti.
Nachdem
wir unterwegs auch schon mal einige Zeit die Autoschlüssel gesucht haben, ist
dies wieder so ein Tag, an dem wir verschiedene Gegenstände vermissen u.a. ein
Taschenmesser und eine Kreditkarte. Erst nach längerem Suchen bzw. durch Zufall
finden wir sie wieder. Ob hier nicht doch Elfen oder Trolle im Spiel sind? Diese
Überlegungen kommen bei mir auf, als wir Islands bekannteste Elfenstadt,
Hafnarfjörður passieren. Hier gibt es sogar Stadtführungen zu den
Elfensiedlungen, auch einen Plan, in dem die Aufenthaltsorte der Elfen
verzeichnet sind.
Reykjanes,
die Halbinsel südlich von Reykjavík hat einiges zu bieten. So driften auch
hier die Kontinentalplatten Amerikas und Europa auseinander. Anschaulich präsentiert
wird das durch eine Brücke, auf der man bequem zwischen den Kontinenten
wechseln kann. Wir erreichen Reykjanesvíti, die südlichste Spitze Reykjanes
mit dem Leuchtturm. Jörgen fährt den MAN an den Rand der Klippen. Da es stürmt
und regnet, verzichte ich auf einen Spaziergang. Durch den Nebel kann man
sowieso nicht weit sehen. Alles Sehenswerte sehe ich auch vom MAN aus. Auf dem
Weg zurück erreichen wir das Solfatarengebiet von Gunnuhver, in dem es wieder
dampft und zischt. Sichere Wege führen uns zu einem graublauen Kondensatsee.
Was kann man an so einem miserablen Tag nur anfangen? Wir gehen baden! Die berühmte
Blaue Lagune (Bláa Lónið) ist nicht weit. Nachdem wir den stolzen Preis von
1400 ISK pro Person hingeblättert haben (gültig von 10 – 20 Uhr), erhalten
wir ein Armband, über das das Öffnen und Schließen eines Schrankes sowie der
Erwerb von Snacks, Eis und Getränken in der Cafeteria abgewickelt wird.
Abgerechnet wird beim Verlassen des Bades. Die Blaue Lagune liegt in einem
Lavafeld und ist ein vollständiges Freibad. Es wird mit Wasser gespeist, das
ein Kraftwerk aus zwei Kilometern Tiefe fördert. Das noch ca. 70°C heiße
kieselsäure- und mineralsalzhaltige Wasser wird mit kaltem Wasser gemischt, so
dass die Wassertemperatur ständig 38°C beträgt. An manchen Stellen jedoch ist
es sehr heiß (so „gefühlte“ 45°C). Um das gesamte Bad zu überblicken müssen
wir uns schon kreuz und quer durch das Wasser bewegen, denn vor lauter Dampf
sehen wir zunächst gar nichts. Aber relativ schnell entdecken wir einen
Wasserfall und verschiedene Saunen. Eine davon ist in einer dunklen Lava-Grotte
untergebracht, eine in einer etwas helleren Lavahöhle und die dritte ist eine
finnische Sauna. Die Benutzung ist im Preis inbegriffen. Es stehen auch Gefäße
herum, aus denen sich jeder mit dem mineralhaltigen Schlamm Schönheitsgesichtsmasken
auflegen kann.
Am
nächsten Tag ist es trübe, aber es regnet wenigstens nicht mehr. Auf unserem
Weg geraten wir im Nebel von einer Behelfsstrecke auf eine Neubaustrecke, die
eigentlich gesperrt ist. So müssen wir den Bauarbeitern, die Erde heranschaffen
oder sie mit einer Raupe verarbeiten den Vortritt lassen. Selatangar, so heißt
eine wirklich raue Küste im Süden von Reykjanes. Hier können wir die Urgewalt
des Meeres gut nachvollziehen. Baumstämme und Teile von gestrandeten Schiffen
sowie Fischernetze sind weit in das Land hineingetragen worden. Früher hatten
Fischer hier ihre Unterkünfte zum Teil in die Lava-Felsen hineingebaut. Wir
streifen fasziniert durch diesen wilden ursprünglichen Küstenabschnitt aus
erstarrter Lava, immer auf der Suche, etwas Besonderes zu entdecken. Hier hätten
wir uns wieder mal gerne länger aufgehalten. Aber eine typische isländische
Landkirche und ein weiteres „stinkendes“ Geothermalgebiet, Seltún, mit
seinen heißen Quellen und blubbernden Schlammpötten wartet auf uns. Wir
beschließen, so lange wie möglich an der Küste entlang zu fahren und
erreichen in Stokkseyri ein altes grasbedecktes Fischerhaus. Nur 6 Betten und
eine Feuerstelle befinden sich darin. Etwas weiter kommen wir an einer mit
Wasserkraft betriebenen Butter- und Käserei von 1905 vorbei. Mehrere Farmer
hatten diese früher betrieben. Die Ausstattung und Möblierung ist durch die
Fenster gut zu erkennen. Auch ein Kontor gab es. Wir machen einen Umweg über
Keldur, wo alte Torfhäuser stehen und ein unterirdischer Gang sein soll. Leider
hat das Museum nur im Sommer geöffnet. Kurz vor dem 40 m hohen Seljalandsfoss
wollen wir auf der „249“ dorthin gelangen. Es liegt ja schließlich kein
Schnee. Aber die Durchfahrt durch den Fluss ist gesperrt. Am Wasserfall
angekommen, hat Jörgen nichts Besseres zu tun, als gleich hinter ihm hindurch
zu gehen. Als er auf der anderen Seite wieder ankommt, ist er durch die Gischt völlig
durchnässt.
Es
ist immer noch diesig und regnerisch, als wir das Skoga-Heimatmuseum erreichen.
Das Museum öffnet um 11 Uhr. Leider war es erst 10 Uhr. Aber hier ist alles no
Problem. Nachdem wir unsere 700 ISK (inkl. 350 ISK für das Freilichtmuseum)
hingeblättert haben dürfen wir uns in dem wirklich interessanten Museum frei
bewegen. Eine unglaubliche Sammlung unterschiedlichster Geräte und Kulturgüter
sind hier zusammengetragen und liebevoll ausgestellt worden. Die anschaulichen
Erläuterungen und Geschichten der Utensilien sind meistens auch ins Deutsche übersetzt
worden. Das Freilichtmuseum besteht aus einem grasbedeckten Hof mit Ställen,
einer Schule, einer Kirche, weiteren Häusern mit Stall in der Mitte und einem
zweistöckigen großen Wohnhaus. Alles war entsprechend der Zeit möbliert.
Extra für uns wird auch das Transportmuseum aufgeschlossen, das Fahrzeuge, Geländefahrzeuge,
Telekommunikation, alte Radios, Fernseher und Waschmaschinen usw. zeigt. Während
der gesamten 2-stündigen Besichtigung regnet es. Dabei haben wir so gehofft,
dass das Wetter für den Besuch des 60 m hohen und 25 m breiten Skogafoss
aufklart. Auch um diesen beeindruckenden Wasserfall rankt sich eine Legende. Der
Landnehmer Prasi versteckte einst eine Goldkiste hinter dem Wasserfall. Er riet
damals einer Frau, ihren Sohn auf seinen Namen zu taufen und ihn bis zu seinem
12. Lebensjahr nur mit Schafs- und Pferdemilch zu ernähren. Dann solle er zum
Wasserfall gehen und er findet die Goldkiste. Leider kam der junge Prasi zu spät
und er erwischte nur den Griff der Goldkiste. Dieser ist neben dieser Geschichte
im Skoga-Heimatmuseum zu sehen. Der beeindruckende Skoga-Wasserfall liegt in
Nebel eingehüllt dunkel vor uns. Stufen führen den Berg hinauf. Gezählt habe
ich sie nicht, aber es müssen mindestens 70 m Höhenunterschied sein. Beim
Aufstieg gerate ich einige Male ziemlich außer Atem. Die Stufen enden in einem
glitschigen Pfad oberhalb des Abbruchs, wo sich die Fluten donnernd in die Tiefe
stürzen. Leider ist hier oben auch nicht mehr zu sehen als viel Nebel. Wir
fahren weiter zum südlichsten Punkt Islands, Kap Dyrhólaey. In diesem Teil ist
Offroad-Fahren, Übernachten und Zelten strikt verboten. Auf einem Felsen, auf
dem alte Bootswinden stehen können wir wenigstens ein wenig auf das Meer hinaus
sehen. Selbst ein Spaziergang am schwarzen steinigen Strand macht bei diesem
Wetter keinen Spaß. Wir fahren hinauf zum Leuchtturm, der hier oben in Nebel
eingehüllt auch nur schlecht zu sehen ist. Auf der Abfahrt lichtet sich der
Nebel ein wenig, aber wir sehen keinen Grund bis zum Abend zu warten, bis wir
gute Sicht haben. Auch die Temperatur steigt an. 10°C haben wir inzwischen. In
dem Ort Kirkjubæjarklaustur (ich glaube inzwischen, das einzige an das ich mich
hier nie gewöhnen werde, sind diese unaussprechlichen Namen) gibt es Basaltsäulen,
die von Gletschern und Wasser derartig glattgeschliffen sind, so dass sie von
oben betrachtet wie das Werk eines guten Fliesenlegers aussehen. Kirkjugolf,
„Kirchenfußboden“ wird der hier genannt.
Der
nächste Tag wischt die Erinnerung an das Wetter der letzten 1 ½ Tage einfach
weg. Bei herrlichstem Sonnenschein besuchen wir die kleinste Torfkirche Islands
in Nupsstaður. Sie ist nur 6 x 2,5 m groß, aber es finden 35 Menschen darin
Platz. Jörgen merkt schmerzhaft, wie klein diese Kirche ist, als er sich den
Kopf an einem Balken stößt. Hinter der Kirche ist der Postreiter Hannes Jónsson
(1880-1968) begraben, der beste Führer durch den schwarzen Sand der Skeiðarásandur
und über den Gletscher Skeiðarájökull. In dem Nationalpark Skaftafell
angekommen, stellen wir uns auf den unteren Parkplatz. Die Weiterfahrt ist nur
vom 1.6. bis 1.9. mit Genehmigung der Parkverwaltung erlaubt. Uns interessiert
besonders der Svatifoss (schwarzer Wasserfall). Bis dahin sind es 1,4 Kilometer.
Die ersten 700 Meter gehen sehr steil bergan. Jörgen geht beschwingt vorweg,
ich, ziemlich außer Atem, hinterher. Besser wird es, als es nur noch mäßig
bergan geht und schließlich auch bergab. Entschädigt werden wir für unsere
Anstrengungen durch einen besonders schönen Wasserfall. Er wird durch schwarze
Basaltsäulen eingerahmt, von denen sich der weiße Schnee rund um das Becken,
in das sich der Wasserfall ergießt, eindrucksvoll abhebt. Jörgen setzt sich
auf einen Felsen am Ende des Svatifoss und genießt das Naturschauspiel.
Beim
nächsten „Sehenswert“-Schild Svinafellsjökull kommen wir direkt an den
Rand einer Gletscherzunge. Jörgen kann nach einer (meiner Meinung nach)
ziemlich gefährlichen Kletterei das Eis sogar anfassen. Aber es ist ziemlich
dreckig. Auch in dieser Idylle könnten wir ein wenig länger verweilen, aber
die lästigen dicken Fliegen nerven. Es ist auch ausgesprochen windstill. Direkt
an der Ringstraße erreichen wir den Gletschersee Jökulsárlón und damit ein
wunderbares Naturspektakel. Der Gletscher Breiðamerkurjökull kalbt in den
Gletschersee und riesige Eisstücke schwimmen darin auf dem 250 m langen Abfluss
dem Meer zu. Als wir ankommen, ist gerade Ebbe und die Eisberge liegen
regungslos im Gletschersee. Nur die dünnen Eisschollen bewegen sich. Bei Sonne
und 16°C ein fantastischer Anblick. Wir fahren zurück zum zweiten
Gletschersee, dem Fjallsárlón. Der Gletschersee ist fast zugefroren. Aber auch
hier finden wir große Eisberge. Bei diesem tollen Wetter holen wir die Stühle
raus und freuen uns über den Sonnenschein. Plötzlich hören wir ein lautes
Knacken. Der Gletscher kalbt. Kurz darauf noch ein Knacken. Jetzt werden wir
neugierig, packen unsere Stühle, das Fernglas und nehmen Beobachtungsplätze
auf einem Hügel ein. Aber hier können wir nichts mehr ausmachen. Die Sonne
verschwindet und es wird zunehmend kälter. Da wird es uns schließlich in
unseren T-Shirts zu kalt. Jörgen ist nachts noch unterwegs, da Nordlichter am
Himmel erscheinen. Ich bin leider zu müde.
Am
nächsten Morgen ist es sehr nebelig, regnerisch und wir haben nur 3°C. Was für
ein Gegenpol zum Vortag. Wir fahren die Pisten im Gletscherbereich entlang und
kommen an einen Gletschersee und einen Ablauf. Zumindest ist es das was wir
sehen – und das ist nicht viel, eigentlich gar nichts. Also zurück zur
Ringstraße. Am Jökullsárlón fließen die Eisberge jetzt langsam dem Meer zu.
Die Sicht wird etwas besser, zumindest zum Meer hin. Nach einer kleinen
Rundfahrt durch Höfn bereiten wir uns auf die Passüberquerung des Almannaskarð
vor. Aber hier gibt es seit 2005 einen Tunnel.
In
der Lon wollen wir die F980 befahren – zumindest ein Stück. Die Beschreibung
im Reisebuch ist reizvoll. Aber ein entgegenkommender Isländer gibt uns
unmissverständlich zu erklären, dass die Strecke gesperrt ist. Na, ja, dann
fahren wir eben in die andere Richtung. Dieser kleine Abstecher zum Meer
beschert uns ein kleines Rudel Rentiere. Es wird zunehmend kälter. Abends haben
wir schon -3,9°C also 20°C weniger als gestern Abend. Es schneit mal wieder.
Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne und alles sieht viel freundlicher
aus. Dennoch, der Osten ist wesentlich rauer als der Westen und der Süden,
sogar als der Norden. Die Fahrt entlang den Fjorden ist wunderschön. Die
Serpentinen-Fahrt auf den 478 m hohen Pass Breiðdalsheiði ist wieder mal
ziemlich spannend, da die Strecke unter dem Schnee vereist ist. Aber bei dem schönen
Wetter haben wir natürlich keine Probleme und müssen auch keine Schneeketten
aufziehen. Nicht weit hinter dem Pass nimmt die Verkehrsdichte deutlich zu und
kurz vor Egilsstaðir treffen wir auf viele Lkws. Wir biegen ab zum Lögurinn-See.
Hier soll ein See-Ungeheuer sein Unwesen treiben – dabei wirkt alles so
freundlich. Am südlichen Ende des Sees steht eine Kirche mit einer prachtvoll
geschnitzten Eingangstür aus dem 12. Jahrhundert. Das Original befindet sich im
Museum von Reykjavík. Aber nun sind wir gespannt auf einen Blick in das
Hochland. Dafür befahren wir die F910, die sich in Serpentinen den Berg
hinaufwindet. Oben angekommen ist alles relativ plan. Es liegt zwar relativ viel
Schnee, aber die Straße ist gut zu befahren. Sie führt zum größten
Staudammprojekt in Island. Wir kommen an Hinweisschildern zu Sehenswürdigkeiten
vorbei (z.B. dem Snæsfjell). Aber durch die hohen Schneeverwehungen ist nicht
einmal die Streckenführung der ersten 100 Meter der unmarkierten Pisten zu
erkennen. Kurz nach dem Fluss Jökulsa á dal ist unsere Fahrt plötzlich zu
Ende. Wir befinden uns am Lager für den Staudammbau. Hier weht ein sehr, sehr
eisiger Wind. Drei 200m hohe Staudämme sollen die Karahnjukar-Schlucht in einen
ca. 57 km² großen Stausee verwandeln. Dieses sehr umstrittene Staudammprojekt
soll Strom für ein Aluminiumwerk liefern, das in den Ostfjorden entsteht. In
diesem Zusammenhang soll auch ein neuer Hafen entstehen. Die Wirtschaft
Ostislands soll durch das Projekt gestärkt, und die Landflucht der Menschen
gestoppt werden. Der Bau ist in vollem Gange, obwohl u.a. wichtige
Rentier-Aufzuchtsgebiete in den Fluten versinken werden. Auch die unmittelbare Nähe
zum 8400 km² großen und bis zu 1000 m dicken Gletscher Vatnajökull, dem größten
Geltscher Europas und die unter ihm schwelenden aktiven vulkanischen Kräfte
stellen nicht gerade ein Sicherheitszeugnis für solch einen gewaltigen Staudamm
dar. Wir suchen uns auf einer teilweise markierten Piste einen einigermaßen
geschützten Übernachtungsplatz. Jörgen will noch ein paar Fotos machen, ist
aber sehr schnell wieder da. Es ist sehr eisig. Kurz vor Sonnenuntergang haben
wir schon -10°C im Windschattenbereich.
Nachts
fällt das Thermometer (windgeschützt) auf -15,8°C. Mit dem Wind kommen wir
auf gut 20°-25°C Kälte. Morgens um 8 Uhr sind es noch -13°C. Die Heizung fällt
aus. Wahrscheinlich ist der Diesel geflockt, obwohl es sich um Winterdiesel
handelt. Auch der Filter unserer Brauchwasserpumpe ist trotz zusätzlicher
Isolierung vom Frost zersprungen. Hoffentlich springt der MAN an. Oh Mist, der
erste Versuch scheitert. Beim zweiten Versuch springt er ausgesprochen schwerfällig
an. Ganz langsam tuckern wir zurück auf die befahrene Piste. Je länger warmer
Diesel in den Tank kommt, umso schneller kommen wir voran. Schön kann man das
Wetter nicht nennen. Die Sonne scheint, aber der Schnee wird mit einem enormen
Tempo über das Hochland und die Straße gefegt. Kurz nach einem „Achtung
Rentiere“-Schild beobachten wir plötzlich große Herden von Rentieren - die
Tiere sind auch nicht besonders scheu. Auf der Fahrt von Egilsstaðir zum Fährhafen
Seyðisfjörður müssen wir wieder über den hohen Pass. Auf der Hochebene kann
Jörgen durch das Schneetreiben überhaupt nichts mehr sehen und muss anhalten.
Alles ist nur noch weiß. Also doch „Eisland“. Es schneit und stürmt. Als
wir dann jedoch in der Warteschlange zur Einschiffung nach Hanstholm stehen,
wird uns beiden wehmütig ums Herz. Diese tollen Eindrücke haben wir um diese
Jahreszeit niemals erwartet. Tschüss, Island, vielleicht sehen wir uns bald
wieder.
© by Rita Terjung und Jörgen Hohenstein
2006