Freitag, 28. Juli 2000
Es regnete Bindfäden und das schon den ganzen Tag. Der Regen hatte
irgendwann nachts angefangen und dann nicht wieder aufgehört. Um 17 Uhr
starteten wir mit dem MAN Richtung Rostock. Der Routenplaner aus dem Internet
errechnete für die Strecke 4,5 Stunden für einen schnellen LKW. Wir brauchten
mit Tanken 3,5 Stunden und waren deshalb schon früh am Überseehafen. Eine
Einweiserin fragte uns erstaunt: "Sind Sie ein PKW oder ein LKW?"
Jörgen und ich erwiderten gleichzeitig: " Wir sind ein Wohnmobil!"
"Ehrlich?" "Ehrlich!" Anscheinend fährt hier selten so ein
Gefährt. Auch die Dame an der Ticketkontrolle wollte das zunächst nicht so
recht glauben und ließ nochmal nachfragen. Um 21.45 Uhr ging es auf das Schiff,
die Mecklenburg-Vorpommern. Um 22.45 Uhr legten wir ab, obwohl in unseren
Tickets 23.00 Uhr vermerkt war. Wir setzten uns zunächst in die Cafeteria. Aber
dort konnte man nicht schlafen. Schließlich legten wir uns auf unsere Decken vor den
Abgang zu den Autodecks. Eine Gruppe Jugendlicher rannte ständig die Treppen
auf und ab und hatte sich immer was zu erzählen, bis das Schiff in Trelleborg einlief. An Schlaf war
nur bedingt zu denken.
Sonnabend, 29. Juli 2000
In Trelleborg kamen wir problemlos durch den Zoll. Wir fuhren Autobahn
Richtung Göteborg. Da uns jedoch die Augen ständig zufielen, suchten wir uns
auf einem Höhenzug ein nettes Plätzchen und schliefen erst einmal ein paar
Stunden. Inzwischen kam die Sonne hervor. Nach einem ausgiebigen Frühstück
fuhren wir weiter Autobahn und in Göteborg auf die Straße 45. Diese war eine
lange Zeit unser Begleiter. Sie ist überall sehr gut ausgeschildert und heißt
"Inlandsvägen". Mir fielen sofort diese vielen roten Häuser auf.
Holzhäuser, die dunkelrot gestrichen sind. Manche sind auch weiß oder gelb,
aber der weitaus überwiegende Teil ist rot. Das ist ein Schutzanstrich, der
durch seinen hohen Anteil an Kieselsäure das Holz vor Fäulnis schützt. Anfang
des 17. Jahrhunderts wurde der Anstrich in der Bergwerkstadt Falun erfunden. Die
gelbliche Abraumerde aus den Kupfergruben wurde bei 800° gebrannt. Durch den
Eisenanteil färbte sie sich rot. Das entstandene Pulver wurde mit Leinöl und
weiteren Bestandteilen gemischt. Die entstandene Farbe ließ die gestrichenen
Holzbauten wie Steinhäuser aussehen, was man schick fand. Allerdings schützt
dieser Anstrich auch nur etwa 10 Jahre. Früher soll dieser Anstrich Pflicht
gewesen sein, andernfalls musste der Besitzer hohe Steuern zahlen. In der
damaligen Zeit galten weiß getünchte Häuser als Zeichen von Reichtum, weil
zusätzlich zur Steuer die Farbe aus England importiert werden musste. Hinter
Mellerud ging es links ab auf eine kleinere Straße nach Haverud. Dort
besichtigten wir das Aquädukt. Über Seen, Flüsse, Schleusen und Kanalstücke
führt der Dalslandkanal von Köpmannebro am Vänern über Bengtsfors nach
Töcksfors an der norwegischen Grenze. Er wurde 1864-1868 als Transportweg für
die großen Eisen- und Sägewerke gebaut. Die weitaus längste Strecke ist
natürlich, nur 10 Kilometer mussten gebaut und mit 25 Schleusen überbrückt
werden. Die schönste Stelle dieses Kanuten- Paradieses ist der 32,5 m lange
Aquädukt bei Haverud. Die Erbauer brauchten dafür 33.000 Nieten. Dafür kann
man auf einer Schiffsbrücke mit dem Boot einen Wasserfall überqueren. Auch die
noch darüber führende Eisenbahn ist in Betrieb. Die höchste Brücke ist
jedoch die Autobrücke.
Nach der ausgiebigen Besichtigung, wo wir auch noch das Glück hatten, dass
gerade ein Zug die Brücke überquerte, fuhren wir eine kleine Straße weiter
nach Norden. Achterbahnartig führte diese Straße durch dichte Wälder.
Schließlich führte ein aufgeschütteter Weg in den Wald hinein. Wir landeten über einem See. Der Stellplatz war wunderschön. Bei herrlichem
Sonnenschein aßen wir mit Superaussicht zu Abend. Die Sonne ging um 21.30 Uhr
unter.
Sonntag, 30.Juli 2000
Wir schliefen lange und wachten bei herrlichem Sonnenschein auf. Endlich mal
wieder Frühstück draußen. Da man sich bei einer einfachen Strecke von 3000 km bis
zum Nordkap aber keine größeren Pausen leisten kann, fuhren wir schweren
Herzens weiter die kleinen Straßen bergauf und bergab, bis wir wieder die
"45" erreichten. Weil es hier weiter nichts besonders zu sehen gab,
wollten wir soviel Kilometer schaffen, wie möglich. Von Torsby bis Mora fuhren
wir durch ein riesiges Moorgebiet. Die Flüsse und Seen waren braun. Auf dieser
Strecke entdeckten wir auch dunkle Wolken, die sich in unsere Richtung bewegten.
Also doch noch schlechtes Wetter, nichts wie weg. Irgendwie umfuhren wir die
Wetterfront und pausierten bei Sonnenschein abseits der Straße. Aber die Wolken
kamen näher. Wir hörten Gewittergrollen und packten unsere Sachen. Sicherlich
nicht zu früh, denn kurz, nachdem wir fertig waren, fing es an zu regnen. Der Regen kam ganz gerade runter, wie an Bindfäden gezogen. Auf der
Strecke nach Mora kam von links ein PKW auf die Straße und blieb stehen.
Jörgen dachte, der Fahrer hätte uns gesehen und fuhr weiter. Aber nichts da,
nur eine Vollbremsung konnte uns vor dem Unfall retten. Der Mann fuhr einfach 50
m vor dem MAN auf die Straße und blieb wieder fast stehen. Wir hatten Glück,
dass nichts passiert war. Hinter Mora, natürlich weiter auf der Straße 45
entdeckte Jörgen ein Schild nach Helvetesfallet. Wir dachen beide sofort an
Wasserfälle. Diese waren auf unseren Karten nicht verzeichnet. Eine
Schotterstraße führte zunächst nach Storstupet. Wir wussten natürlich nicht
was das ist und das machte uns neugierig.
Der Fluss Äman ist einer der größten Flüsse, die durch Orsa fließen. Bei
Storstupet formt er eine Klamm. Die Inlandsbahn passiert diese Klamm auf einer
34 Meter hohen Eisenbahnbrücke. Die Inlandbahn ist insgesamt 1304 km lang und
sie überquert dabei 60 bis 70 Täler. Sie war die Pulsader Schwedens und
führte bis Jokkmokk. Wenn wir die schwedischen Informationen richtig deuten,
ist sie seit 1984 ausschließlich in touristischen Belangen unterwegs. Der Äman
wurde früher für Flößerei genutzt und es wurde deshalb bei Storstupet eine
Rinne aus Holz gebaut. Diese Rinne ist inzwischen teilweise kaputt, aber die
Gewalt der Stromschnellen in diesem Bereich ist schon beeindruckend. Schön ist
auch, dass das ganze nicht großartig touristisch aufbereitet wurde. Man muss
schon ganz gut klettern.
5 Kilometer entfernt liegt Helvetesfallet. Hier formt der Äman eine Klamm
mit 30 Meter hohen Steilwänden. Da ist Klettern angesagt. Aber die
Mühe lohnt sich. Auf einer schwankenden, dennoch sicheren Brücke kommt man auf
einen Felsen in der Mitte des Flusses. Von hier aus sind die Naturgewalten noch
besser zu beobachten. Außerdem gibt es hier frisches Trinkwasser. Was ist
besser, als ein "Malt" mit frischem Quellwasser? Wir beschlossen, die Nacht hier
zu verbringen, allerdings im Auto und nicht draußen, da wir sonst von den
Mücken überfallen werden. Die ersten Stiche haben wir schon. Aber es sind noch
normal große Mücken, die wir mit den normalen Mückengittern fernhalten
können. Es kommen immer noch Besucher, obwohl es mittlerweile 21.30 Uhr ist.
Montag, 31. Juli 2000
Wir fuhren einen breiten Weg entlang, der in unsere Hauptrichtung
(Straßenrichtung) führte. Nach 5 Kilometern war der Weg zu Ende. Das ist in
Schweden nichts ungewöhnliches, da diese Wege zum Roden der Wälder benutzt
werden. Aufgefallen ist uns, dass gerodete Flächen nicht aufgeforstet werden.
Das überlässt man der Natur. Einige größere Bäume bleiben stehen, so dass
sich neues Leben entwickeln kann. Mittags machten wir Pause, um die Sonne noch
ein wenig zu genießen. Der Wind wurde jedoch zunehmend kälter. Kaum scheint in
Schweden die Sonne, laufen die Leute halbnackt durch die Gegend. Während wir
uns wegen es Windes immer mehr anzogen, staunte ich über die leichte Kleidung
der Schweden. Wir fuhren durch endlose Wälder und auch durch Sumpfgebiet. Kaum
war man aus einem Wald heraus, breitete sich ein See vor uns aus. Seen, die man
vorher nicht einmal erahnen konnte. Auf der Straße 45, unserem ständigen
Begleiter, kamen uns jede Menge Wohnwagengespanne entgegen. Die meisten waren
Schweden. Wohnmobile fuhren meistens Ausländer. Das Nordkap muss ganz schön
überfüllt sein. Aber vielleicht sind ja alle weg, wenn wir dort ankommen. Es
ist ja noch ziemlich weit.
Dienstag, 1. August 2000
Das Wetter war immer noch ganz schön. Die Sonne schien, aber es wehte ein
kalter Wind. Nach ein paar Kilometern erreichten wir Schwedens nördlichste,
größte, aber auch am dünnsten besiedelte Landschaft: Lappland. Sie wird gerne
als letzte Wildnis Europas beschrieben. Sie ist die Heimat der schwedischen
Samen. Der größte Teil des Gebietes ist mit Sümpfen und tiefen, dunklen
Wäldern bedeckt. Sie werden nach Norden hin immer lichter und gehen
schließlich in eine unwirtliche Tundra über. Unser ständiger Begleiter ist
die Inlandsbahn. Jörgen wollte unbedingt einen Zug fotografieren und so stellte
er den MAN neben die Bahngleise. Er suchte sich einen schönen Platz um den Zug
auch gut auf das Foto zu bekommen. Als sich dann nichts tat, kam er in den MAN.
In diesem Moment fuhr der Zug vorbei. Jörgen war enttäuscht, hatte er doch
weit und breit nichts gesehen. Nach dem Essen, wir waren gerade am Abwaschen,
konnte ich nur noch "Zug, Zug!" rufen, da war er auch schon fast
vorbei. Jörgen schaffte es jedoch, noch ein Foto zu machen. Es war der gleiche
Zug, der vorhin in die andere Richtung fuhr. Die Mücken fangen langsam an zu
nerven. Wir haben erste Stiche und es findet sich kaum noch eine Gelegenheit,
mückenfrei draußen zu sitzen und die Sonne zu genießen.
In Arvidsjaur besuchten wir Lappstaden. Es ist ein Kirchdorf (Kyrkstad) die
ihre Bewohner so nennen. Arvidjaur war ursprünglich ein Marktflecken für die
Waldsamen der Umgebung. Als im 17. Jahrhundert die Kirche erbaut wurde,
entwickelte es sich zum Kirchdorf. Etwa 80 Holzkaten und Vorratsschuppen aus dem
17. Jahrhundert drängen sich dicht aneinander. Früher bewohnten die Samen ihre
Holzhütten nur während der Marktwochen oder bei Hochzeiten, ansonsten lebten
sie bei den Rentieren im Wald.
Kurz nach Arvidsjaur querte das erste Rentier die Straße. Ein weiteres äste
direkt am Straßenrand und ein ganz junges Tier lief uns auf der Straße
entgegen. Die Landschaft wurde karger. Wälder gibt es immer noch genug, aber
die Bäume sind nicht mehr ganz so hoch. An so einem gerodeten Stück fanden wir
unseren Stellplatz zum übernachten. Hier haben wir unsere neue Duschvorrichtung ausprobiert.
Sie hat super funktioniert.
Mittwoch, 2. August 2000
Jokkmokk, unser nächster Ort, war lange Zeit Wintersammelplatz für die
Samen dieser Region. Jokkmokk wurde erstmals erbaut, als Karl IX im Jahre 1602
beschloss, eine gewisse Anzahl Marktplätze im Norden anzulegen. Denn um Kriege
finanzieren zu können, brauchte die Krone weitere Steuereinnahmen, die man sich
durch eine wirtschaftliche Entwicklung des Nordens versprach. Zuerst wurde eine
Kapelle errichtet. Schnell folgten Pfarrhaus sowie einige Marktbuden, über die
der sogenannte Lappmarkshandel, wie es das Gesetz vorschrieb, abgewickelt wurde.
Das war der Grundstein für Jokkmokks Marknad. Markt wurde zum ersten Mal im
Jahre 1605 gehalten. Traditionell wird er im Februar eines jeden Jahres
gehalten. Wir fuhren zum Touristenzentrum, das Informationsmaterial in vielen
Sprachen kostenlos bereitstellt. Dann besuchten wir die Samenkirche Gamla Kyrka
(alte Kirche). Die Kirche wurde 1607 erbaut. 1753 wurde die Kirche erweitert. In
der Holzmauer wurden früher im Winter die Toten aufbewahrt, bis der Boden nicht
mehr gefroren war und sie begraben werden konnten. Die hübsche, sechseckige
Kirche brannte am 8. April 1972 nieder und wurde im Advent 1976 wieder
eröffnet. Unser nächstes Ziel war das Samenmuseum, auch Ajtte genannt und
heißt Vorratshaus. Das Museum hat die Aufgabe, Mensch, Kultur und Natur der
Samen den Besuchern näher zu bringen. Der Eintritt kostete 40 skr pro Person. Im
Museum gab es eine deutsche Mappe mit der Beschreibung der einzelnen Räume.
Zusätzlich konnte man sich die Beschreibung in den jeweiligen Räumen in der
gewählten Landessprache anhören.
Als wir Jokkmokk verließen, verließ uns auch diese wundervolle Sonne und
Regenwolken begleiteten uns. Links der Straße fielen uns die schroffen Wände
des Lule Älv auf, ein ehemals gewaltiger Fluß. Er hatte sich ein tiefes
Flußbett in die Felsen gegraben. Wir fanden einen hübschen Stellplatz an dem
Fluß. So richtig einregnen wollte es sich jedoch nicht. Immer wieder lugte die
Sonne zwischen den Wolken hervor. In Porjus gibt es ein Wasserkraftwerk-Museum,
das Jörgen unbedingt noch besuchen wollte. Ich war skeptisch, denn solche
Sachen sind mir einfach zu technisch. Aber ich war wirklich überrascht, mit
welcher Freude uns die Führerin das Werk zeigte (übrigens ist das kostenlos).
Das Engagement wirkte ansteckend und damit für mich außerordentlich
interessant. Das Wasserkraftwerk wurde 1914/1915
erbaut, um das Eisenbahnnetz Kiruna-Narvik zu elektrifizieren. Auf dieser
Eisenbahnlinie wurde das Erz aus dem Abbaugebiet "Malmfälten"
transportiert. Nach Abschluß der Bauarbeiten für die Eisenbahn wurden viele
Männer arbeitslos. Es galt als Auszeichnung, an dem gewaltigen Bau des
Wasserkraftwerkes mitten in der weglosen Wildmark mitgearbeitet zu haben. Das
war bis dahin das nördlichste Kraftwerk. Es führten keine Straßen in dieses
Gebiet. Männer trugen huckepack die Maschinen und Ausrüstungsteile (50 bis 102
kg –Rekord-) auf einem 42 Kilometer langen Fußmarsch durch Sümpfe und
unwegsames Gelände, gepiesackt von Schwärmen von Mücken, so dicht, dass man
angeblich seinen Hut daran aufhängen konnte. Es existiert ein Foto von Männern
auf dieser Rallerstigen. Ein Künstler in der Nähe hat die Männer auf dem Foto
in Holz nachgebildet. Er hat dabei nur mit der Kettensäge gearbeitet. Dieses
beeindruckende Kunstwerk ist ebenfalls in Vattenfall zu sehen.
Gleichzeitig begann der Bau der Eisenbahnstrecke in dieses Gebiet. Mit der
Nutzung der Wasserkraft begann eine neue Zeitepoche. Porjus wurde mit
Pioniergeist, mit Willenskraft und Plackerei erbaut. Die Arbeiter wohnten in
einfachen Baracken. Die königliche Gesellschaft Vattenfall wollte damals die
Ansiedlung in dem Ort Porjus verhindern um die Entstehung von Slums zu
verhindern. Aber bereits vor Beginn der Bauarbeiten hatte dort eine Familie
gelebt, denen die Firma nichts vorschreiben konnte. Diese vermietete Land an die
Bauarbeiter, die so ihre Familien nachholten und so doch die Baracken
entstanden. Daraufhin baute die Firma bessere Behausungen für ihre Arbeiter. Im
Museum sind 50 Meter unter der Erde einige der ersten Drehstromgeneratoren zu
sehen. Das Wasser des Flusses stürzte 50 Meter tief hinunter auf die
Turbinenschaufeln, die mit 270 Umdrehungen pro Minute, in Schmieröl
gleitgelagert, Strom erzeugten. Dann lief das Wasser in ein unterirdisches
Ruhebecken und von dort aus 1 Kilometer weiter in den Fluss zurück. 20 Meter
über dem Erdboden befindet sich die Kontroll-, Überwachungs- und
Schaltzentrale, immer noch im Originalzustand in Marmor aus Südschweden und
Italien. Diesen Rohstoff hatte man gewählt, um Feuchtigkeit und
Abnutzungserscheinungen zu verhindern. In der Tat sieht der Raum aus wie neu.
Die Schleusen im neuen Kraftwerk werden nur einmal im Jahr geöffnet, und zwar
am 2. Juli, da das Kraftwerk am 2. Juli 1915 eröffnet worden ist. Für die
Schweden in diesem Bereich ist das ein Volksfest.
Nachdem Jörgen noch an seinem eigenen Wasserwerk gespielt hatte, das dort
zum Ausprobieren bereitsteht, fuhren wir weiter nach Gällivari. Hier suchten wir den Beginn des Pfades, den die Männer mit den Maschinen und
Ausrüstungsteilen durch die Sümpfe genommen haben. Da uns jedoch auch die
Moskitos überfielen, flüchteten wir gleich wieder in den MAN und fuhren
weiter. Auf einem Nebenweg fanden wir einen schönen Stellplatz in der Nähe
eines Sees. Leider konnten wir wieder mal nicht den Abend draußen genießen, da die Moskitos bereits
unseren MAN umschwärmten. Übrigens schreibe ich dies um 22.40 Uhr und es ist
noch taghell. Nach den Erfahrungen der letzten "Nacht" wird es hier
wohl auch nicht dunkel. Es wird nur dämmerig.
Donnerstag, 3. August 2000
Für uns relativ früh verließen wir unseren mückenreichen Stellplatz und
fuhren in Richtung Kiruna. Nach 1739 km verließen wir schließlich unsere
Straße "45 - Inlandsvägen" und fuhren Richtung norwegische Grenze.
Das Wort Kiruna ist eigentlich samisch und wird da wie "Giron"
ausgesprochen. Es bedeutet "Schneehuhn". Das Schneehuhn verziert mit
dem Symbol für Eisen das Stadtwappen Kirunas. Um 10.45 Uhr erreichten wir das
Touristenbüro in Kiruna und erfuhren dort, dass der nächste Bus zur
Grubenbesichtigung um 11 Uhr fährt. Die Führung um diese Uhrzeit ist in
Deutsch und Schwedisch. Kosten pro Person: 140 skr. Diese Grubenführungen
wurden 2000 vom 13. Juni bis zum 25. August angeboten. Kinder unter 6 Jahren
können wegen der Sicherheitsbestimmungen nicht teilnehmen. Mit einem roten Bus
der LKAB, der Erzgesellschaft, fuhren wir in Richtung Eisenerzgrube und mit dem
Bus auch hinein. Die riesigen Stollen ließen sogar Gegenverkehr zu. Allerdings
ist deshalb die Höchstgeschwindigkeit in den Stollen auf 50 km/h begrenzt. Es
ist echt aufregend, wenn sich 2 Busse oder Lkws begegnen. Unser Bus wurde sogar
zweimal überholt.
Schließlich erreichten wir in 540 m Tiefe (vom ehemaligen Berggipfel
gemessen) die Info-Mine, das Besucherbergwerk. Da der Berggipfel in der Form
nicht mehr existiert, befanden wir uns in ca. 340 m Tiefe. In den Stollen wird
die Temperatur permanent auf 8°C gehalten, was besonders im Winter angenehm
ist, wenn an der Oberfläche Temperaturen von minus 40°C herrschen. In der
ausführlichen Führung (mit Film) wurde uns der Abbau des Eisenerzes
verdeutlicht.
Bereits 1696 wurden die beiden Erzberge Kiirunavaara und Luossavaara erstmals
geschichtlich erwähnt. Es war kein Geheimnis, dass in beiden Bergen hoch im
Norden Schwedens reiche Bodenschätze lagerten. Allerdings scheiterten während
der darauffolgenden Jahrhunderte viele Versuche, diese Vorkommen zu bergen. Es
dauerte bis 1870, als mit der Einführung des "Thomas-Prozesses",
einer damals neuartigen Methode der Roheisenproduktion aus hochphosphorhaltigem
Erz, der Abbau des Erzes im Norden wirtschaftlich interessant wurde. Später als
die Bahnverbindung zwischen den Erzgruben und dem Hafen Narvik an der
Atlantikküste fertig gebaut war, nahm die industrielle Tätigkeit langsam Form
an. Kiruna wurde im Jahre 1899 an das Bahnnetz angeschlossen, das war, als die
Eisenbahnlinie Kiruna – Lulea fertig war. 1902 wurde die Ofotenbahn nach
Narvik fertiggestellt und die gesamte Eisenbahnlinie Narvik-Kiruna-Lulea wurde 1903 freigegeben. Der Erzabbau war Knochenarbeit in der damaligen Zeit und die
Fluktuation bei den Arbeitern war hoch. Heute ist das Eisenerzwerk in Kiruna das
größte der Welt. Der Erzkörper ist 4 Kilometer lang, 80 Meter breit und hat
eine geschätzte Tiefe von ca. 2 Kilometern. Die jetzige Hauptfördersohle (1045
m tief) sichert die Produktion für weitere 15 Jahre. Bis heute wurden ca. 900
Mio. Tonnen Eisenerz in Kiruna gefördert, etwa ein Drittel des ursprünglichen
Erzkörpers. Die ersten Förderungen wurden über Tage vorgenommen. Die dabei
entstandenen Terrassen stehen heute unter Denkmalschutz. Das in Kiruna
geförderte Erz ist Magnetiterz, dass heißt, es ist magnetisch. Unser Führer
bemerkte, dass wir in der Umgebung nur dem Kompass zu folgen brauchten, denn
alle Wege führen nach Kiruna.
Uns wurden die Maschinen vorgeführt, mit denen heute das Eisenerz abgebaut
wird. Gesprengt wird mit einer selbst hergestellten Paste jede Nacht um 1.30
Uhr. Bis dann die mannstarke Morgenschicht ihren Dienst antritt, haben sich die
giftigen Stoffe in der Luft verflüchtigt. Viele Maschinen werden auch nur noch
ferngesteuert. So wird diese schon sehr sichere Grube noch sicherer. Die
Eisenbahn bringt das fertige Eisenerz (Pellets), das nicht mehr magnetisch ist,
nach Narvik in den Hafen, der das ganze Jahr hindurch eisfrei ist.
Nachdem wir uns noch das Maschinenmuseum und das Bergwerkmuseum angesehen
hatten, fuhren wir mit dem Bus wieder zurück zur Touristeninformation. Man kann
selbst entscheiden, wann man mit dem Bus zurückfährt. Er fährt alle halbe
Stunde an der Besuchermine ab.
Da man im Zentrum 4 Stunden kostenfrei parken kann, besuchten wir
anschließend die Kirche. Die 1909 bis 1912 erbaute Kirche wurde den
traditionellen Samenhütten nachempfunden. 12 vergoldete Holzstatuen auf dem
Dach symbolisieren menschliche Gefühle. Übersetzen konnte ich Demut, Hochmut,
Frömmigkeit und Andacht. Einige der Schriftzüge unter den Statuen waren nicht
zu lesen, da die Kirche gerade renoviert wurde. Jörgen fand es erstaunlich, dass es in einer Kirche Toiletten gab. Aber benutzt hat er sie gerne. In der
Nähe der Kirche ist einer der wichtigsten Männer für Kiruna beigesetzt:
Hjalmar Lundbohm. Er trieb die Produktion von Eisenerz trotz widrigster
Verhältnisse in den Anfängen weiter und gründete damit den Ort Kiruna. Auf
seinen Wunsch hin hat sein Grab die Grundform einer Samenhütte.
Da wir morgen noch das zivile Raketenversuchsgelände in Esrange, ca. 40 km
entfernt besuchen wollen, beschlossen wir auf dem Berg Luossavaara zu
übernachten. Vorher kauften wir noch im Konsum ein. Einen richtig großen
Supermarkt haben wir nicht gefunden. Der Ausblick über die Umgebung von Kiruna
ist einfach großartig, obwohl der Wind hier oben sehr kalt war.
Die Sonne ging um 22:30 Uhr am Horizont unter. Geschlafen haben wir sehr gut,
obwohl es ja nicht dunkel wird.
Freitag, 4. August 2000
Für uns ungewöhnlich früh, bereits um 9.45 Uhr fuhren wir wieder nach
Kiruna. Jörgen hatte gestern einen Supermarkt durch das Fernglas entdeckt. Es
war tatsächlich ein großes Einkaufszentrum. Daneben eine Tankstelle, an der
wir für Norwegen genug Sprit tankten. Der Diesel in Norwegen ist nach unseren
Informationen wesentlich teurer. Dann ging es weiter über Jukkasjärvi nach
Esrange. In Jukkasjärvi steht das Eishotel, das jetzt ganzjährig geöffnet
hat. Der Eintritt kostet 100 skr pro Person. Im Sommer wird das Eis in einer
Halle konserviert. Man muss sich sehr dicke Sachen anziehen, da dort
Temperaturen von bis zu minus 50 Grad herrschen. Die Sachen und Schuhe, Mütze,
Strümpfe sind vor Ort erhältlich. In der Halle ist das Hotel aus dicken,
rechteckigen Eisblöcken erbaut. Dazu sind Skulpturen aus Eis zu sehen.
Esrange
ist ein Sperrgebiet. Geöffnet und gratis zu besuchen ist der Ausstellungsraum
mit Souvenir-Shop und kleiner Cafeteria. Auf dem Gelände vor der Halle sind
Fragmente von Raketen und eine vollständige kleine zweistufige Feststoffrakete
zu sehen. Im Besucherraum kann man an 3 Monitoren Satellitenbilder und die
Bahnen der im Umlauf befindlichen Satelliten bewundern. Gezeigt werden die
unterschiedlichen Raketentypen, die von dort aus gestartet sind und ein
Überblick über die schwedischen Weltraumaktivitäten.
Man kann an einer Führung teilnehmen, die in der Zeit von 13:00 Uhr bis
15:00 Uhr stattfindet. Sie kostet für Erwachsene 75 skr. Kinder unter 15 Jahre
frei. Geöffnet war Esrange vom 20. Juni bis 18. August 2000 jeweils montags bis
freitags. Der Ausstellungsraum war von 9:00 Uhr bis 15:30 geöffnet.
In Kiruna kauften wir erst einmal im großen Einkaufszentrum ein. Die Preise
lagen doch erheblich niedriger als im Konsum. Jörgen hat ein Glas
Moltebeerenmarmelade erstanden. Jedenfalls glauben wir, dass es eine ist. Die
Moltebeere ist eine ganz besondere Delikatesse Lapplands. Sie wachsen in
sumpfigen Gebieten, werden bis 30 cm hoch und haben weiße Blüten. Um ihrer
habhaft zu werden, muss man schon nasse Füße riskieren. Sie besitzen eine
Brombeerform, allerdings mit weniger "Kügelchen". Zuerst sind sie
grünlich-dunkel, mit zunehmender Reife werden sie rot und zum Schluss hellgelb.
Die gelben Früchte sind reif. Es war jedenfalls die teuerste Marmelade, die es
gab und sie hatte eine gelbe Brombeere auf dem Etikett.
Unser nächstes Ziel war der Abisko-Nationalpark. Als wir ankamen, regnete es
mal gerade wieder. Aber meiner Meinung nach sind diese Regenschauer notwendig,
um die Insekten von der Frontscheibe zu spülen. So brauche ich diese nicht zu
putzen. Das hat bislang ganz gut geklappt. Wir sahen uns - mit
Anti-Mückenmittel eingerieben- den Canyon an, den der Fluss Abiskojokk kurz vor
der Mündung in den See Torneträsk gegraben hat. Hier hatte man früher
(schätzungsweise in den 20iger Jahren) ein Kraftwerk gebaut. Das Wetter ist
witzig. Kaum hat man sich auf Regen eingestellt, da scheint wieder die Sonne und
es ist sehr warm. Im Schatten dagegen auch sehr kühl. Wir warteten noch eine
zeitlang, um einen Eisenerzzug von Kiruna nach Narvik auf ein Foto zu bannen,
aber da hatten wir kein Glück. Es sollte eben nicht sein. In Riksgränsen
(Höhe 520 m) an der norwegischen Grenze befand sich der nördlichste Bahnhof
der Welt. Jetzt ist es noch eine überdachte Haltestation. An dieser standen wir
- und standen wir - und warteten auf einen Eisenerzzug. Ich holte inzwischen schon
mal die Snacks aus dem MAN, den wir eine Ecke weiter unten parken mussten. Kaum
war ich wieder oben, hörte ich einen dunklen Pfeifton. Kurz danach kam ein
vollbeladener Erzzug aus Kiruna durch den Tunnel gefahren. Jörgen rannte, um
ein schönes Foto zu machen und ich fotografierte auch. Der Lokführer bediente
extra noch mal die Pfeife, als er an mir vorbeikam und bei Jörgen auch noch
mal. Kaum waren wir über die norwegische Grenze gefahren (es war übrigens
niemand da), sah die Landschaft völlig anders aus. Viel mehr Felsen und Steine. Dazwischen Wasser. Kaum eine Gelegenheit zum Rasten. Aber das
Wetter war bei der Einreise phantastisch. Kurz vor der Abfahrt auf die E 6, die
uns weiter nach Norden bringt, stellten wir uns hinter einen Hügel neben der
Straße, da wir die Stellplatzmöglichkeiten in Norwegen noch nicht einschätzen
konnten – und es war schon verhältnismäßig spät. Wir standen auf dem
ursprünglichen Weg, der inzwischen der breiteren Straße weichen musste. Es
fing auch kurz an zu regnen. Der Autoverkehr der nahen Straße störte nicht und
es war im MAN sehr gemütlich. Nach draußen trauten wir uns schon lange nicht
mehr – wegen der vielen Mücken.